Silvester

Das Jahr ist zu Ende. Es rannte vor mir her, ich bin kaum hinterher gekommen. Man kann die Zukunft nicht einholen, sie bleibt immer vor einem. Und das Jetzt ist im nächsten Augenblick vorbei. Doch die Zukunft bleibt da hinten. Die Vergangenheit war … Man kann die Zeit nicht zurückdrehen und keine Sekunde wiederholt sich. Jede Sekunde ist neu. Jeder Tag bringt etwas Neues. Sehr oft etwas Überraschendes. Mein Leitspruch lautet: „Abwechslung ist die Würze des Lebens“. Ich mag Abwechslung, ich mag es nicht, auf der Stelle zu stehen. Fanta 4 singen: „In der Bewegung liegt die Kraft“. Das soll nicht heißen, dass ich es nicht mag, zu faulenzen. Hauptsache die Gedanken bleiben in Bewegung. Spannung macht das Leben aus. Verschiedene Wege auszuprobieren. Und Glück hat man, wenn man später nichts bereut. Kurz vor dem Tod sollte man mit sich zufrieden sein. Es gibt ein paar Dinge, die ich verpasst habe. Laut Gunter Sachs kann man nur Dinge bereuen, die man nicht getan hat. Nicht Dinge, die man getan hat. Ist auch egal. Ich schenke mir erst mal einen Merlot ein. Ein bisschen zu kalt ist er, ich habe ihn gerade vom Einkaufen mitgebracht.

Wie war dieses Jahr? Außer dass es rasend schnell war? Aber ja auch nicht schneller als andere Jahre. Im Alter kommt es einem nur so vor. Die Sekunden, Minuten und Stunden sind immer gleich lang. Ich kenne Tage, die sind gar nicht vorbei gegangen, ich sehnte mich danach, dass es endlich Nacht wird. Und es gibt Tage, die vergehen wie Blitze. Ist auch egal. Wie war dieses Jahr? Ich habe ne Menge Gedichte geschrieben, habe einige Lesungen gegeben. Habe den neuen Roman vorgeschrieben. War oft betrunken und oft nüchtern. Habe sieben Kilo abgenommen und sie wieder zugenommen. Habe mich aufgeregt und gefreut. Meine Gefühle spielten manchmal verrückt. Es gab Spannungen. Immer wieder gibt es Spannungen. Konflikte. Mit anderen, mit sich selbst.

Und was nehme ich mir für 2017 vor? – Weiterhin für meine Familie da zu sein. Meinem Sohn ein guter Vater zu sein. Jetzt kommen so Sachen, wie: Weniger trinken, Sport, abnehmen … Klar. Wäre schon schön, ein paar Kilo zu verlieren. Und dann habe ich natürlich das Ziel, den neuen Roman fertig zu bekommen. 17 werde ich 48 Jahre alt. Es geht schnell auf die 50 zu. Es kann sein, dass der neue Roman nicht zum Bestseller reicht. Also muss der danach einer werden. Spätestens der Übernächste. Druck. So baut man sich Druck auf. Und was passiert, wenn ich mir Druck aufbaue? Ich kriege nichts zustande. Ich trinke, mache keinen Sport und nehme zu. Na ja, ist auch scheißegal jetzt. Morgenfrüh gehts in die Markthalle, Sekt trinken und sich amüsieren. Ich freue mich auf morgen. Ich freue mich darauf, abends mit meiner kleinen Familie zusammenzusitzen, Raclette zu essen und guten Wein oder Sekt zu trinken. Was für ein Luxusleben!

Ich wünsche allen Menschen, den armen wie den reichen, ein gesundes neues Jahr 2017. Krankheit oder sogar den Tod sollte man keinem Menschen wünschen. Freuen wir uns für die Menschen, die aus den Kriegsgebieten flüchten konnten und keine Angst mehr zu haben brauchen. Freuen wir uns für die Mütter und Väter, die ein zufriedenes Kind haben. Dennoch, wir müssen etwas ändern. Wir alle müssen uns ändern. Wir wissen es ja, und tun so wenig Gutes. Ich will jetzt nicht  aufzählen, was man ändern könnte und müsste, das wird jeder für sich alleine wissen. Die Erde mit all ihrem Leben ist krank – an uns liegt es, ihr zu helfen.

Das schrieb ich gestern.

Jetzt ist es 23.30 Uhr, in einer halben Stunde beginnt 2017. Ich bin etwas melancholisch, ein wenig angetrunken und ein wenig leer. Ab 0 Uhr soll sich also einiges ändern. Ein neuer Start. „In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – Hesse. Ich mag Hesse. Siddhartha, Steppenwolf, ein paar Gedichte, die Hälfte von Das Glasperlenspiel, das ich aber nachher zu laaaangweilig fand. Aber Steppenwolf ist schon ein ziemlich magisches Werk. Wenn man Psychosegefährdet ist, muss man auf der Hut sein, im Hier zu bleiben. Hesse war zeitweise depressiv. Vielleicht konnte er deswegen so wundervoll schreiben. Bukowski war depressiv, auch wenn man es nicht glauben mag. Hölderlin war manisch-depressiv. Van Gogh angeblich schizophren. Manisch-depressiv auf jeden Fall. Ach, ich könnte jetzt googlen und etliche Künstler finden, die psychisch krank waren. Viele leben ja noch und sind verrückt. Wenn du in einer manischen Phase als Schreiber kreativ bist, bringt es dir nichts, wenn du nicht wieder auf den Boden findest. Dann bleiben die meisten Dinge verwirrt. Bist du aber wieder zurück, kannst du beginnen zu formen. Du musst nur aufpassen, dass dich das Zeug nicht noch einmal in seinen Bann zieht. Ein Teufelskreis.

Guten Rutsch. Bleibt gesund, oder werdet es, genießt das Leben, wenn ihr könnt, macht die Augen auf und sagt euch: Ach wie schön, wie schön, dass ich leben darf. Es ist keine Selbstverständlichkeit   !

 

Der Tag war gut

Mittwoch, 21 Uhr

Nichts mit Depression. Nichts mit Psychose. Heute war ein guter Tag. Ein „normaler“ Tag. Kein ganz glücklicher Tag, aber auch kein unglücklicher. So in der Mitte. Das reicht mir aber nicht. Ich will kein mittelmäßiges Leben, ich will ein erstklassiges. Geht natürlich nicht immer so wie man es sich wünscht, schon klar. Ich will ja auch nicht hoch euphorisch durch die Gegend irren. Das nicht. Immer in der Mitte? Immer ausgeglichen? Wie langweilig muss ein solches Leben sein. Manch einem reicht es wohl, ich brauche die Hochs. Klar, die Tiefs gehören dazu. Müssen ja nicht ganz so tief sein. Man sollte einen Traum nicht aufgeben. Jedenfalls so lange nicht, wie man das Traumziel noch erreichen könnte. Ich kann auch mit 70 ein vielgelesener Autor werden. Wäre aber sehr, sehr spät. Ich möchte „mitspielen“. Jetzt. Hier. So oft ins Havana oder sonstwo hinfahren, wie ich will. Woran hapert’s? Klar – am Geld. Ja, und an der Zeit. Es bringt ja auch nichts, sich jeden Abend abzuschießen. Dann bezahlst du am nächsten Tag die Rechnung. Ich bin ziemlich gern unter Leuten, ich beobachte sie, höre ihnen zu, lerne von ihnen für’s Leben. In Kneipen kann man besonders viel lernen. Jedenfalls hab ich in Kneipen mehr für’s Leben gelernt, als in vielen Schulfächern. Und in der Psychiatrie habe ich am meisten gelernt. Im Raucherraum. Dort finden die besten und tiefsinnigsten Gespräche statt. Gruppentherapie unter Patienten. Stellt euch vor, in Wahrendorff wurden die Raucherräume auf den offenen Stationen dichtgemacht. Es gibt sie nicht mehr. Ein riesiger Verlust für die Irrenanstalt-Kultur. Auf den Geschlossenen bringen sie es nicht. Da gibt’s zum Glück noch Raucherräume. Zum großen Glück für die Patienten, aber mindestens auch zum genauso großen Glück für die Pfleger und Ärzte. Ohne Zigarette rastet man als Raucher noch mehr aus, wenn man akut psychotisch ist. Die meisten psychisch Kranken rauchen eine nach der anderen. Kaffee und Kippe. Auf der Geschlossenen wird ALLES geraucht. Tee, Kaffee, Watte, Tabakkrümel und Kippen vom Boden. Besser ist es, du nimmst immer nur eine Zigarette mit in den Raum. Wenn du anfängst zu verteilen, wirst du die Schnorrer nicht mehr los. Viele Psychotiker sind arm. Sie können nicht mehr arbeiten und sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie können froh sein, nicht in einem Wohnheim leben zu müssen. Oder für immer in der Klapse. Dauerpatienten gibt’s mehr als genug. Und fast alle rauchen. Viele trinken, manche nehmen Drogen, wenn sie an welche rankommen. Herrgott, was hatte und habe ich für ein riesengroßes Glück!!! Ehrlich. Ich wollte auch einige Male ins Wohnheim, weil ich keinen anderen Ausweg sah. Meine Mutter überredete mich immer wieder, es noch weiterhin in der eigenen Wohnung zu versuchen. Sie hat gehofft, dass ich diesen einen der letzten Schritte nicht gehe. Dafür danke ich ihr sehr. Ich kenne es, ein Jahr lang über 20 Stunden täglich im Bett zu liegen, die Vorhänge zugezogen, das Telefon auf lautlos gestellt, siebenmal und öfter am Tag in die heiße Wanne, um sich zu spüren, total zugepumpt, keine Gedanken mehr zu haben und nur zu hoffen, dass der Tag zu Ende geht. Und dann fängt der neue Tag an, und man MUSS einkaufen gehen – Pizza und Süßigkeiten – und jeden Freitag kommt die Mutter vorbei, bringt Eintopf  und putzt die Wohnung, bezieht das Bett, nimmt die Dreckwäsche mit, und mehr als ein „Danke“ kriegst du nicht zustande. Sie wäscht sogar die Aschenbecher aus. Sie ist selbst krank, aber das ist ihr egal, ihrem Kind muss es so gut wie möglich gehen.

Warum ich das schreibe? Ich weiß nicht, es liegt mir gerade auf der Seele. Wenn ihr nur Seichtes und Schönes lesen wollt, schaut die Bestsellerlisten durch. Ihr werdet fündig, garantiert. Scheiß drauf. Mir geht’s besser als vielen, vielen Menschen   !

Was für ein herrlicher Morgen!

Ehrlich – ich fühle mich wie neu geboren. Gestern Abend kein Atosil genommen, nur zu den üblichen Medis eine halbe Zolpidem. (Schlaftablette) Um sieben Uhr aufgestanden, mit meinem Sohn gespielt, ihm etwas vorgelesen, und dann Walken gewesen. Jetzt ist es Viertel nach elf und ich bin fit, nichts von Depression, so wie die letzten Tage. Wundervoll, wenn die Stimmung heute anhält. Oft schwankt sie am Tag – von ganz tief, bis halb hoch. Die Euphorie fehlt derzeit meistens.

Ich finde momentan nicht das richtige Buch. Habe schon zig verschiedene angefangen und dann doch nicht zu Ende gelesen. Es gibt Millionen Bücher, ich glaube, ich werde mir welche aus der Underground-Szene besorgen, um von den jüngeren und vor allem unbekannteren Autoren zu lernen. Bücher mit Ecken und Kanten. Ich könnte natürlich auch auf die Klassiker zurückgreifen, bin mir aber nicht sicher, ob ich es derzeit schaffe, sie zu lesen. Gestern habe ich mir „Schuld“ von Ferdinand von Schirach besorgt, und „Ulysses“ (doch ein Klassiker) von Joyce bestellt. Gerne möchte ich es mir eines Tages zu Gemüte führen. Krimis mag ich nicht lesen, Fantasy auch nicht. Ich brauche was, was wahr sein könnte. Zumindest „könnte“. Eine Zeitlang habe ich Biografien verschlungen, jetzt erscheinen sie mir zu langweilig, zu wenig literarisch. Es gibt Bücher, die ich zweimal gelesen habe, aber auch dazu fehlt mir die Lust. Zu dick sollen sie zurzeit auch nicht sein … Ulysses umfasst allerdings 900 Seiten. Am besten, ich finde gute Kurzgeschichten oder Erzählungen, die nicht so lang sind. Von Lyrik habe ich keine Ahnung. Ich frage mich, ob die Autoren ihren eigenen Kram überhaupt selbst verstehen. Jean, ein Autor aus Hamburg, und ich, sind uns sicher: Nee, tun die meisten nicht! Sie spielen zwar mit Worten, aber einen zusammenhängenden Sinn haben viele Gedichte nicht. Sollen sie ja vielleicht auch nicht. Wie gesagt, ich verstehe davon nichts. Stört mich aber auch nicht. Gedichte mochte ich noch nie gern lesen. Lieber selbst schreiben. Aber inzwischen keine Reime mehr. Alles wandelt sich mit der Zeit. Die Gedanken, der Stil, das Auftreten, die Meinung. Warum auch nicht. Jeder Tag ist neu, jeder Tag bringt unzählige Veränderungen mit sich. Jede Sekunde, jede Minute. Warum also auf Prinzipien pochen! Der Gedanke von gestern kann heute in eine ganz andere Richtung weisen.

 

Weihnachten

Heiligabend.

Es ist elf Uhr am Abend. Wir sind wieder zu viert. Meine Frau, mein Sohn, ich und die Oma. Entspannung bei einem Gläschen Whisky. Ach, wie ruhig es jetzt ist im Haus. Und hier zu sitzen, am Schreibtisch, vor dem Laptop, meinem Freund, und über die Tasten zu streicheln … Manchmal wird gehackt, manchmal zart gestreichelt – so wie im echten Leben. Ich habe Maler und Lackierer gelernt. Wir hatten Baustellen, da wurde auf Akkord geackert, Fassaden oder Wände in minutenschnelle zugewitscht,  und es gab Baustellen, da wurden die Wände mit feinster Spachtelmasse verwöhnt, Ecken und Kanten rund gespachtelt und so lange geschliffen, bis kein Pickel mehr zu fühlen oder zu sehen war. Zum Abschluss eine Wischtechnik. Was besser war, weiß ich nicht mehr. Beides konnte Spaß machen oder grauenvoll sein, je nachdem, wie man drauf war. Hatte man richtig reingehaun und die Knochen taten einem weh, war man oft befriedigter, als wenn man den ganzen Tag Fenster lackiert hatte. Auch beim Schreiben ist es so oder so. An manchen Tagen reichen ein paar gute Sätze, an anderen schafft man zehn Seiten. Dann weiß man auch nicht unbedingt, was besser war. Auf jeden Fall sollte man befriedigt von seiner Arbeit sein. Egal, was man tut. Ob du auf dem Bau arbeitest oder in einer Autowerkstatt, in einer Fabrik oder im Büro, die Arbeit sollte dich zumindest ein bisschen erfüllen. Du darfst nicht mit schlechter Laune zur Arbeit fahren, dann wirst du krank über kurz oder lang. Oder du hältst bis zur Rente durch und kratzt dann ab, weil dir die Aufregung fehlt. Prost. Manch einem liegt die Arbeit, bei der man hinterher etwas sieht. Ein Maurer baut ein Haus, ein Dachdecker deckt ein Dach, ein Künstler malt ein Bild. Man hat ein Ergebnis und kann stolz drauf sein, wenn es gelungen ist. Im Büro, wenn man nicht gerade Architekt oder Grafik-Designer ist, sondern den ganzen Tag Zahlen in den Computer haut, bleibt meistens nichts, worüber man sich freuen kann. Es sei denn, man hat viel Geld auf dem eigenen Konto und war den ganzen Tag per Online-Banking damit beschäftigt. Das kann meinetwegen auch befriedigen. Ist auch egal. Udo sagt, sein Konto sei so voll, da passe nichts mehr drauf. Ich habe heute ein Udo Lindenberg-Buch geschenkt bekommen. Ein wundervolles Geschenk. Ich liebe Udo. Er singt, er macht sein Ding. Ja, das kann man ihm abnehmen. Er hat Ahnung von seinem Geschäft. Wie ist er wohl drauf, wenn er so ganz allein in seiner Hotelsuite rumhängt, nüchtern inzwischen? Gerne würde ich mit ihm im Raucherraum im Hotel Atlantic einmal Zigarre rauchen, Tee trinken und über dies und das reden. Kein Small Talk, dafür ist die Zeit zu schade. Es muss um eine große Idee gehen. Es muss darum gehen, wie man etwas für die Erde und die Menschen tun kann. Etwas ganz, ganz Großes. Eine konkrete Idee habe ich nicht, ich habe nicht die Mittel, habe nicht die Energie zurzeit. Klar, ich kann im Kleinen etwas tun. Hier und da eine Spende oder ein hilfreiches Wort an jemanden richten, dem es nicht gutgeht. Aber das bringt nichts, um den Hunger und den Durst, die Armut zu besiegen. Da muss was Großes her. Wir Künstler sollten uns vereinen, den Künstler-Indianer-Stamm gründen, die EFP, die Erste Friedenspartei, oder die LFP, die Letzte Friedenspartei, ins Leben rufen.

Weihnachtstag 1

Guten Abend. Jetzt, um 20.30, bin ich noch stocknüchtern. Der Tag heut war krass. Ich habe gestern nacht um 3 noch das Zusatzmedikament Atosil eingeworfen, weil ich nicht in den Schlaf fand. Ein etwas leichteres Neuroleptikum. Es war nicht leicht, weil ich die Dosis zu hoch angesetzt hatte. Bis 17 Uhr kam ich nicht durch, habe den ganzen Tag im Delirium verbracht. Konnte mich kaum bewegen. Meine Frau stand von morgens bis abends in der Küche, mein Sohn hat mit den neuen Spielsachen zu tun gehabt. Jetzt gehts wieder. Wahrscheinlich würde mir Atosil in einer vernünftigen Dosis zurzeit ganz guttun. Ich muss zur Ruhe finden, meine Gedanken spielen im Kopf Ping Pong. Dazu fühle ich mich körperlich ziemlich schwach. Die schlechte Laune dazu. Die Unzufriedenheit. Schnell werden mir leichte Dinge zu schwer. Aber eines ist klar: Nehme ich Atosil, wird meine Fanatsie darunter leiden. Aber vielleicht kann ich mich ja dann länger auf eine Sache konzentrieren. Ich werde es versuchen. Für den Roman, der in Arbeit ist, brauche ich nicht mehr viel Fantasie, er ist ja bereits vorgschrieben. Es wäre ein Traum, mal wieder 3 bis 4 Stunden am Stück arbeiten zu können.

Mehr möchte ich heute nicht schreiben. Lieber genieße ich den Abend mit meiner Frau   !

Weihnachtstag 2

Jetzt ist Weihnachten fast vorbei. Ich merke, wie leer mich das Atosil macht. Einerseits entspannt es mich, weil ich nicht so viel denke, anderseits bin ich angespannter, weil es mir die Kreativität nimmt. Es wäre zu schade, wenn mir plötzlich nichts mehr für den Blog einfällt. Schließlich will ich euch unterhalten, und zwar möglichst mein ganzes Leben lang. Ihr sollt daran teilhaben, wie die Verlage meine Manuskripte ablehnen, ihr sollt daran teilhaben, wie ich Miliionenfach Bücher verkaufe. Größenwahn – es ist herrlich, ihn zu besitzen. Aber nur, wenn man mit dem wirklichen Leben einigermaßen zurecht kommt. Sonst geht man als Größenwahnsinniger unter. Es sei denn, man schafft es, seinen Größenwahn auszuleben. Viele Künstler mussten eine Spur größenwahnsinnig sein, sie mussten an ihr Ziel glauben und den Weg bis dahin über viele Stolpersteine zurücklegen. Für Udo war mit 13 Jahren klar, dass er Rockstar wird. Ich glaube seit meinem 20. Lebensjahr daran, der meistgelesene Autor der Welt zu werden. Mir ist egal, was andere darüber denken, denn genau dieser Gedanke lässt mich hoffen, glauben und weiterarbeiten. Natürlich muss ich so langsam etwas vorweisen. Drei Bücher könnt ihr von mir lesen, ein weiteres ist bald fertig. Dann schnell das nächste. Und ich habe ein Skript hier liegen, das wartet nur darauf, überarbeitet zu werden, um in der großen, weiten Welt seine Leser zu finden. Es gibt perfekte Bücher. Z.B. „Der Alchimist“ von Paulo Coelho. „Siddhartha“ von Hermann Hesse. „Hektors Reisen“ von wem weiß ich. Das sind drei Bücher ohne Ecken und Kanten. Meine Bücher haben Ecken und Kanten, und das können sie auch. Welches Leben ist schon perfekt? Meins jedenfalls nicht. Im Internet findet ihr eine freundlich geschriebene Kritik über „Im Wahn der Zeichen“, die besagt, dass das Buch zu sehr ins Detail geht, sich zu viel wiederholt, nicht sehr gut geschrieben ist. Zu sehr ins Detail, mag sein, genau das hat auch schon ein Lektor gesagt. Aber soll ich deswegen das ganze Buch umschreiben, es kürzen, vielleicht sogar aus der Geschichte eine andere machen? Kann ich nicht. Ich habe alles gegeben, was ich draufhatte. Entweder man mag es so wie es ist oder eben nicht. Keiner wird gezwungen, dass Buch durchzulesen. Man kann es jederzeit in einem Bücherschrank verschwinden lassen. Der Paranus-Verlag zeigte Interesse, „Im Wahn der Zeichen“ zu veröffentlichen. Allerdings sollte ich über 200 Seiten streichen. Ich hab’s versucht. Ich hab’s sogar getan. Und doch war es ihnen noch zu detailreich. Ich würde es nie wieder in diesem Ausmaß kürzen. Und dann? Dann lässt es sich trotzdem nicht verkaufen. Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ wurde von der ZEIT und vom SPIEGEL hoch gelobt und wurde trotzdem nicht zum Bestseller. Oder doch? Ganz sicher bin ich mir nicht. Ich habe das Buch verschlungen und Melle meines zugeschickt. Wir haben ein paar ähnliche Dinge erlebt. Allerdings darf er keinen Blog mehr schreiben, weil er sich zu sehr in den Text hineinsteigert und dieser Weg, an die Leute heranzutreten, eine Psychose bei ihm auslösen kann. Mal sehen, ob ihr im Laufe der nächsten Jahre eine Psychose von mir miterlebt. Wer weiß, wie lange ich Lust habe, dranzubleiben. Mein Leben besteht oft aus Phasen. Jetzt gehört die Blog-Phase gerade dazu.

Ich bin euch dankbar, dass ihr mich lest! Genießt die Woche   .

Freies Schreiben

In der DDR musste man aufpassen, was man schrieb. In der Türkei ist es heut nicht anders. In Russland, und auch in anderen kommunistischen Ländern, gibt es keine Meinungs- und Pressefreiheit. Man muss auf der Seite des Diktators stehen, sonst geht man in den Knast, wird gefoltert oder umgebracht. Aber auch hier in Deutschland darf man nicht schreiben, was man will. Man hat es ja bei Böhmermann gesehen. Und schon gar nicht sollen Nazis schreiben dürfen, was sie wollen, das ist klar. Schreibst du hier etwas GEGEN Nazis, kriegst du Morddrohungen von ihnen. Gegen den Islam, stehts du ebenfalls auf der Abschussliste. Bist du ein berühmter Autor und schreibst gegen die BILD, macht sie dich fertig. Schreibst du etwas über Homosexuelle, muss es ihnen gefallen, sonst bist du unten durch und gehörst zum rechten Flügel. Und so weiter. Du darfst nichts gegen den Franzsosen, gegen den Italiener, gegen den Afrikaner schreiben. Zum Glück darfst du noch über dich selbst schreiben. Allerdings lieber nicht, was du manchmal wirklich denkst. Sonst schadest du dir.

Wisst ihr was? Mir ist es scheißegal. Ich schreibe, was ich will. Was ich nicht schreiben will, schreibe ich eben nicht. Aber ehrlich? Wollt ihr die Wahrheit? Unbedingt die Wahrheit zu schreiben, hat auch etwas mit Moral zu tun. Etwas wegzulassen ist manchmal besser. So verletzt man sich nicht selbst, denn verletzt man einen Freund, über den es ja immer viel zu schreiben gibt, verletzt man sich unweigerlich selbst. Auf jeden Fall dann, wenn er sich verletzt fühlt und es dir sagt. Als Autor müsste man eigentlich so schreiben, als wären alle Freunde tot. Erst recht die, die dir am liebsten sind. Deine Eltern sowieso. Die ganzen Verwandten darf es nicht mehr geben. Familie? Lassen wir das. Nur die wenigsten Schriftsteller haben sich daran gehalten. Henry Miller schon, Bukowski und Hemingway und Céline auch. Für sie ging nichts übers Schreiben. Nichts war ihnen heiliger. Sie waren fanatastische Schreiber, egal, was man von ihnen als Mensch hält. Heute haben wir dafür ihren Nachlass, können von ihnen lernen und ihre Biografien lesen. Was ich damit sagen will, ist, dass ich also nicht schreibe, was ich will. Leider. Jedenfalls hier nicht im Blog. In meinen Romanen schon, glaube ich jedenfalls. Woher soll der Leser wissen, ob ich die Wahrheit schreibe oder mir alles aus den Fingern sauge. Wir Autoren sind hervorragende Geschichtenerzähler, können zu den besten Lügnern werden. Wir haben also doch noch einen Weg gefunden, frei Schnauze zu schreiben. Es ist der Roman. Ich kann also einen idiotischen Nazi mit den übelsten Wörtern fertigmachen. Ihn beschimpfen, ihn völlig dumm aussehen lassen. Die armen Journalisten, die bei der Wahrheit bleiben sollten. Tun sie natürlich nicht. Geht ja nicht. Dann wären sie ihren Job los. Sie dürfen nicht zu persönlich werden. Als Journalist sollte man die Objektivität bewahren. Als Romanautor allerdings auch, immer mit genug Distanz zum Werk, dann kann es gut werden. Schreibt euch alle die Seele frei.

Ich wünsche euch heute einen heiligen Tag   !

Kein Zwang

Es darf nicht zum Zwang werden, jeden Tag in diesen Blog schreiben zu wollen. Das schadet der Kreativität. Früher schrieb ich oft zwanghaft. Ich MUSSTE schreiben, sonst war der Tag hinüber. Ich hielt mich selbst kaum aus. Und wenn es vorkam (solche Zeiten gab es auch) und ich hatte eine Schreibblockade, sollte man mich besser ganz in Ruhe lassen. Über Wochen und Monate. Ich war nicht zu ertragen. Höchstens, wenn ich kiffte. Klar, der Tag ist immer besser, wenn ich was zustande bekommen habe am Schreibtisch, aber inzwischen kann ich auch ab und zu eine Niederlage akzeptieren. Aber eine Niederlage ist der Tag ohne Zeile trotzdem. Ich tröste mich dann damit, indem ich ein paar Sätze in meinem Tagebuch vermerke.

Mein Laptop ist mein bester Freund. Wir kennen uns schon elf Jahre. Er läuft wie ein alter Mercedes. Mein verrückter Freund aus der Klapse überholt ihn zum Glück ab und zu, und schon ist er wieder wie neu. Der Zeit-Journalist schrieb, ich schreibe jeden Morgen zwei Stunden an meiner alten Remington, aber das stimmt nicht. Meistens hacke ich auf die Tastatur des Laptops. Ich komme mit den Fingern meinen Gedanken hinterher. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich anfing zu schreiben. Erst Gedichte, von 1990 bis 1991/92. Zumeist Reime. Dann „Im Wahn der Zeichen“, das damals noch „Illusionen eines Träumers“ hieß. Natürlich schrieb ich alles per Hand in DIN’A 4-Hefte. Dann auf lose Blätter, weil ich feststellte, dass das Kopieren der Hefte ziemlich unpraktisch war. Darauf kam ich zu einer elektrischen Schreibmaschine, die eine riesige Erleichterung darstellte. Und dann ein arschteurer PC. Die hielten damals aber nur zwei, drei Jahre, stürzten häufig ab und die Tintenstrahldrucker konnte man total vergessen. Alles hat ständig geschmiert und war verstopft. Heute ist das Schreiben einfacher. Ich rede nicht vom Inhalt. Nur von der fortgeschrittenen Technik. Mein Laserdrucker druckt etliche Seiten pro Minute aus, jedes Wort scharf gestochen. Aber egal wie schön das Schriftbild auch ist, die Verlage lehnen meine Sachen ab. Also sind sie noch nicht gut genug. Das Design schon, vom Stil und Inhalt aber zu anspruchslos, oder nichts für die breite Masse. Ich kann damit leben. Ich sage mir, dann musst du halt besser werden. Du wirst so gut, dass dich jeder Verlag veröffentlichen will. Die Frage wird sein, ob ich dann noch will. Tja, ich denke schon. Ich will Geld verdienen. Ehrlich, deswegen schreibe ich nicht, ich schreibe, weil ich meine Sachen lesenswert finde. Ich schreibe, weil ich schreiben muss. Weil es mir Freude bereitet, ja, es macht mir sogar endlos Spaß. Es bringt mich in einen Rausch, wenn es gut läuft. Aber nur ohne Zwang. Der Zwang ist eher, dass ich mir einrede, von der Schreiberei meine Familie ernähren zu wollen. Muss ich nicht – ich habe riesiges Glück – ich könnte einfach immer so weitermachen. Und wenn mich jemand fragt: „Und, was machst du so?“, sage ich: „Tja, ich kriege eine kleine Rente und schreibe …“ Ich möchte aber sagen: „Ich? Ich schreibe!“ – „Und was macht deine Frau?“ – „Die arbeitet ehrenamtlich in einer Kita oder bei der Tafel, oder mit Flüchtlingen …“ Bis zum Tod werde ich nicht  zufrieden mit mir sein, wenn ich’s nicht schaffe. Ja, natürlich, ich kann dann sagen, ich hab’s wenigstens versucht. Und was bringt mir das? Dann doch lieber versuchen, die Erde zu retten. Wenn das schiefgeht, hat man wenigstens das Größte versucht. Aber doch nicht, einen Bestseller zu landen.

Ist auch egal jetzt. Diese Zeilen schrieb ich ganz und gar ohne Zwang. Und ich könnte noch viel länger so vor mich hinschreiben und am Whiskey nippen. Vielleicht sollte ich doch mal versuchen, abends am Roman zu arbeiten. Ach nein, vergessen wir das schnell wieder. Gedichte, Blog schreiben, eine Kurzgeschichte, schön und gut … aber mehr auch nicht.

Ich wünsche euch eine stressfreie Einkaufszeit vor Weihnachten. Alles Liebe, euer Weltschriftsteller   !

Donnerstagmorgen

Wie unkreativ ich mich heute morgen fühle. Ich muss um jeden Satz ringen, nichts fliegt mir zu. Abends, bei einem Glas Wein oder Whisky, ist die Inspiration einfach da, sie kommt wie aus dem Nichts. Der Morgen ist zum Arbeiten da, nicht zum Spaß haben. Na ja, schön ist es natürlich, wenn man morgens schon lachen kann. Aber wer kann das schon? So richtig lachen … das ist eh schon länger her. Geheult habe ich gestern bei dem Fim „Der weiße Äthopier“ mit Jürgen Vogel. Ich fand den Film sehr gelungen. Jedenfalls haben meine Frau und ich in meinem kleinen Arbeitszimmer gesessen und geflennt. Kommt ja auch nicht so oft vor. Vielleicht, wenn jemand stirbt. Oder manchmal auch, wenn man vor Liebe ergriffen ist.

Es regnet. Wo ist der Schnee zu Weihnachten? Wo der Frost? Klimaerwärmung – es gibt tatsächlich Politiker, die sie anzweifeln und schlicht behaupten, es gäbe sie nicht. Was soll man dazu sagen? Viel, sehr viel müsste man dazu sagen. Es sind ja auch nicht nur Politiker, die so saubescheuert sind. Dein Nachbar kann genauso blind und taub sein. Am besten man glaubt weiterhin an Verschwörungstheorien und schaut RTL 2 oder VOX. Ich kann mich aber heute morgen nicht wirklich aufregen, dafür bin ich zu deprimiert. Deprimiert, weil wieder zwei Wochen vor mir liegen, in denen ich nicht zum Romanschreiben komme. Ich brauche den Fluss, ich brauche Ruhe – der Kindergarten ist geschlossen, meine Frau hat Urlaub – Weihnachten, Silvester, Krankenhaus, Besuch …

Ich schreibe euch noch ein Gedicht: VIELLEICHT EIN VERSEHEN

Ich kann es nicht verstehen. Bis heute nicht. Sie hatte es fast drei Jahre mit mir ausgehalten. Was für ein Wunder. Jetzt lebt sie nicht mehr. Die Tabletten waren zu stark, sie zu schwach. Kein Abschiedsbrief, keine letzten Worte, nichts deutete auf einen freiwilligen Tod hin. Keine Absicht. Ein Versehen. Vielleicht. – Mein Kopf verkatert. Blutgerinne, die nicht aufplatzen. Zum Glück? Mich würgt es wie eine giftgrüne Schlange, es schnürt mir die Kehle zu. Die Kuh wird gemolken und versteht nicht die Spur Spaß. Zu heiß in der Sonne. Wolken brechen auseinander wie ein Keks, den man zu Boden schmettert. Mein Herz rast, die Gedanken noch schneller, mein Hirn hetzt gegen eine blutverschmierte Betonwand und merkt es nicht. – Ich merke gar nichts mehr. – Nur der Whiskey aus der schwarzen Flasche wärmt ein wenig meine erfrorene Seele. – Der Elfer ist vergeigt. Ich gehe nach dem Spiel nach Hause und lasse mir ein Bad ein. Heiß, heiß, und eine grüne Kugel muss rein. Grüner Schaum, der nicht so heiß ist wie das Wasser. Etwas später hat sich der Schaum aufgelöst. Dafür schwimmen weiße Fäden im trüben Wasser. Mir ist heiß und ich kann verstehen, warum.

Ihr hättet lieber ein fröhliches Weihnachtsgedicht gehört. Oder etwas Lustiges. Habe ich gerade nicht parat. Vielleicht morgen. Danke, dass ihr mir zuhört   !

Trinken statt Schreiben

Anstatt meine Abende mit dem Schreiben von Gedichten, Romanen oder Kurzgeschichten zu verbringen, trinke ich. Rauchen geht ja nicht. Nein, im Ernst, ich pack das mit dem Schreiben abends nicht. Meine Schreibzeit ist der Morgen. Hier im Blog ein paar Zeilen runterzuhauen bereitet mir keine Probleme, auch nicht nachts um eins. Aber um einen zusammenhängenden Roman zu schreiben, dafür muss ich hellwach und konzentriert sein. Optimum sind drei Stunden. Die Zeit hätte ich meistens. Und es bringt nichts, ein Tag zu schreiben und dann wieder zwei Tage nicht. Die Tage des Schreibens müssen sich aneinanderreihen wie die Worte eines Satzes. Wie die Sätze einer Geschichte. Tag an Tag. Zeile an Zeile. Wenn ich aufhöre, muss ich wissen, wie die Geschichte weitergeht, wie ich ansetze. Dann läuft es. Auch über Wochen und Monate. Geht natürlich meistens nicht, weil IMMER irgendwas anliegt. Mein Sohn ist krank, Oma muss zum Arzt, ich will ne Zigarre rauchen, das Auto muss zur Werkstatt oder sonst was. Dafür liebe ich es nun umso mehr, in diesem Blog kreativ zu sein. Ich wiederhole mich bestimmt ewig oft. Aber ich schreibe so gut es geht frei raus. Ich kann schreiben, was mich ankotzt, ich kann schreiben, ob es mir gutgeht und warum es mir gutgeht. Ihr bleibt auf dem Laufenden, ob ich einen Agenten oder einen Verlag finde. Ob ich selbst wieder ein Buch veröffentliche. Wann ich eine Lesung gebe oder wie eine Lesung gelaufen ist. Von Politik habe ich zu wenig Ahnung, also lasse ich das. Trotzdem darf ich mich über das eine oder andere aufregen und es euch schreiben. Ihr dürft gern Kommentare dazu abgeben.

Zurzeit habe ich im Schnitt zwischen 30 und 40 Leser/In am Tag. Wir sind ein kleiner Zirkel von Auserwählten, von Trinkern vielleicht, von Gestrandeten, von Normalos wohl kaum. Normal … Wer ist das schon! Manche fühlen sich so. Manche wollen gern verrückt sein. Manche denken, sie wären verrückt. Verrückt … Verrücktheit ist schön. Krankhaft verrückt zu sein ist die Hölle. Das wünsche ich keinem. Bevor die Seele wieder heil ist … Klar, welche Seele ist schon heil? Es gibt verdammt viele kranke Seelen. Richtig kranke Seelen. Da hilft auch keine Therapie. Langzeitpatienten. Nette Burschen. Nette Frauen. Sie sprechen mit ihren Puppen im Kinderwagen. Sind scheinschwanger ein ganzes Leben lang. Unterhalten sich mit ihren Stimmen. Sehen Menschen und Objekte, die es nicht gibt. Leben in einer Traumwelt und wissen es nicht. Gehen auf Zugschienen entlang und denken, die roten Signale weisen ihnen den Weg. Die Gedanken können einen fertig machen.

Aber hier soll es ums Trinken und Schreiben gehen. Es ist gleich elf. Ich schenke mir noch einen ein. Einen kleinen Schluck. Vielleicht kann ich heute ja mal ohne Schlaftablette einschlafen. Ich versuchs jeden Abend, jede Nacht. Die Gedanken sind oft zu stark. Sie kommen nicht zur Ruhe. Trinke ich zu viel, bin ich morgens nicht ausgeruht. Aber mir ist das Schreiben nach meiner Familie das Wichtigste. Also muss es mit dem Trinken weniger werden. Schade eigentlich. Ich liebe es, zu trinken. Ich will aber mit der Schreiberei meinen Kredit zahlen können. Ist ja bald Silvester. Ach, scheiß drauf, ich geh jetzt ins Bett, noch ein paar Zeilen lesen.

Gute Nacht   !

Ich denke an meine Mutter

Es ist 0 Uhr 4, ich liege im Bett und schreibe diese Zeilen in mein Notizheft. Morgen übertrage ich sie in den Blog und mache sie öffentlich.

Ich denke zu viel. Ich denke andauernd an meine Mutter, die im Krankenhaus liegt. Vor 3 Wochen Blinddarmdurchbruch – Not-OP. 5 Tage Krankenhaus, 10 Tage zu Hause. Wieder Krankenhaus – Not-OP – wieder im Magen. Meine Frau sagt, schreibe man einen Blog, solle man besser bei sich bleiben. Wenn ich über meine Mutter schreibe, bleibe ich bei mir, ich bin Teil von ihr.

Wir haben es früher nicht leicht miteinander gehabt. Die Jugend mit ihr zu verbringen war eine harte Schule. Aber natürlich musste auch sie leiden. Inzwischen geht alles viel leichter. Ich kann trotzdem nicht schlafen. Habe eben eine Schlaftablette genommen und hoffe, dass sie bald wirkt. Ich mache mir Sorgen. Sie bekommt Morphium, verträgt es nicht, bekommt es trotzdem. Im Krankenhaus ist sie eine Nummer. Ich weiß, es interessiert euch nicht. Ihr seid zu weit weg. Euch interessiert viel mehr der Anschlag in Berlin, oder der Unfall, wenn es denn einer war. Dort gab es Tote und massenweise Verletzte. Aber klar ist, dass einem die eigene Familie näher in die Seele geht. Wisst ihr: Man soll für so vieles Verständnis haben. Der Vergwaltiger ist krank, der Kinderschänder braucht ne Therapie, der Attentäter wurde von Kindheit an zum Morden des Feindes dressiert. Mann SOLL nicht, man MUSS Verständnis haben.  Aber ich habe kein Verständnis für Ärzte, die nicht mit ihren Krankenschwestern sprechen. Ich habe kein Verständnis für Ärzte, die Patienten wie Nummern behandeln, die unmenschlich arbeiten. Ein Mensch ist keine Ware.

Na ja, was rege ich mich auf! In Aleppo leben noch ca. 250.000 Menschen, 100.000 davon sind Kinder. In Ost-Aleppo gibt es nur noch 30 Ärzte. Es wird sofort amputiert. Auch Kinderbeine- und Arme. Die Versorgung ist katastrophal. Keine Medikamente. Blutvergiftungen. Sorge du dich weiter. Du wirst deinen Grund haben. Aleppo und Mossul sind ja weit weg. Viele Länder in Afrika sowieso. Ich bin der Schlimmste von Allen. Hänge hier rum und rege mich über Ärzte in einem Krankenhaus auf, wo es warm ist, wo es jeden Tag warmes Essen gibt, Kaffee, Tee, Schmerzmittel, nette Schwestern, jeden Morgen Visite … Einzel- oder Doppelzimmer mit Fernseher. Mein Chauffeur setzt mich direkt vor dem Haupteingang ab, sucht einen Parkplatz und hält Ausschau, wann ich das Krankenhaus wieder verlasse. Dann kutschiert er mich nach Hannover ins Havana, wo ich Whiskey trinke und teure Zigarren rauche, mich mit Ole, dem Wirt, unterhalte. Über sonst was, nur nicht über Probleme. Probleme haben in der Kneipe nichts zu suchen.

Ist auch scheißegal jetzt. Hauptsache der Wein ist gut   !

Sonntagabend

Sie lesen heute den Eintrag von gestern. Von Sonntag. Und ehrlich, lassen wir das mit dem Siezen. Wozu soll das gut sein? Oder? Fühlt man sich nicht jünger, wenn man geduzt wird? Und persönlicher angesprochen? Ich glaube schon.

Meine Frau war heute auf dem Weihnachtsmarkt im Nachbardorf und hat eine Freundin getroffen, die sagte, sie lese jeden Tag diesen Blog. Schon allein dafür lohnt es sich zu schreiben. Für dich. Und für dich. Fühl dich angesprochen. Ich schreibe für TB und alle guten Freunde. Ich schreibe für jeden, der mich lesen will. Nicht nur diesen Blog. Auch die Gedichte und Romane. Mich freut es, wenn ich gelesen werde. Welchen Schriftsteller würde es nicht freuen, Menschen zu erreichen! Manch einer sagt vielleicht, ihm sei es egal. Dann soll er sein Zeug in die Schublade legen und uns nicht länger belästigen. Der kann so lange behaupten wie er will, er schriebe nur für sich. Heißt es: „Er schriebe nur für sich“, oder „er schreibe nur für sich?“ Helge Schneider würde sagen, „er schrübe …“ Ich glaube dem Schreiber trotzdem nicht, egal, wie es heißt. Er ist ein Lügner. Ein eingebildeter Arsch. Klar, so kann man argumentieren, wenn man entweder noch nie etwas veröffentlicht hat oder schon ganz viel. „In erster Linie schreibe ich nur für mich!“ Schwachsinn. Will man Schriftsteller sein, muss man ein Publikum haben. Man braucht Anerkennung. Ich möchte so viele Menschen wie nur möglich erreichen. Vielleicht gelingt es mir, wenn ich tot bin. Ich habe aber momentan keine Lust, mich umzubringen. Vielleicht irgendwann mal. Mit Alkohol. Mit was sonst! Heroin? Es gibt ja heutzutage so viele Sorten von neumodischen Drogen. Früher wurde gekifft. Ist auch Spinnerei. Harte Drogen werden schon seit Jahrhunderten konsumiert. Früher war ja sowieso alles besser. Na klar. Man hat auch noch mehr gevögelt in jungen Jahren. Und den Hitlergruß in der Schule gelernt. Heute gibt es noch immer Menschen, die sagen „Neger“ und meinen, so ist es eben drin. Zu welcher „Früher-Zeit“ war denn alles besser? Vor den Kriegen? Nach den Kriegen? In den 60ern? Als wir, die in den 60ern geboren wurden, noch Kinder waren? So wie ich mich erinnere, war da NATÜRLICH ALLES VIEL BESSER!!! Für uns als Kinder schon. Und erst die Jugend! Tss … Glaubste doch selbst nicht. Ich glaube, man kann nicht sagen, früher war alles besser. Besser … Leichter? Vielleicht. Heute hat man dafür mehr Möglichkeiten. Ich kann zum Beispiel am Computer meine Bücher schreiben. Ich kann Menschen schneller erreichen. Ich kann meine Bücher leicht selbst veröffentlichen. Mein Wagen fährt 300. Starte und bin schon in Berlin. Die Fahrzeit reicht gerade für eine Zigarre. Zum Glück fahre ich nicht selbst, sondern sitze hinten. Der Fahrer zieht den Rauch ein. Er freut sich, sagt er. Früher waren es Joints, heute sind es Zigarren. Keine schlechten natürlich. Ich kann sogar während der Fahrt trinken. So viel ich will und was ich will.

Aber „Neger“ sage ich nicht. Und den Hitlergruß mache ich auch nicht.

Nichts für ungut. Sprecht von meinem Blog, wenn ihr wollt. Wenn euch mein Zeug gefällt, sagt es weiter. Ich schreibe mich hier jetzt erst mal ein. Dauert noch ein bisschen, dann wird es richtig Spaß machen. Mir und euch. Ich wünsche euch weiterhin viel Freude   !