Nur ein Verrückter kann die Welt verrücken

Nur einer? Nein, ganz viele Verrückte zusammen haben ein leichteres Spiel. Künstler, ihr seid gefragt. Aber darum gehts heute nicht. Es geht um meine Stimmungsschwankungen, die ich jedes Jahr ab Februar bekomme. Und dann meist den Frühling durch. Meine Frau hat ein schweres Los gezogen. Ich ruf sie auf der Arbeit an lenke sie ab. Gut drauf, schlecht drauf, ganz mies drauf und wieder von vorn. Dicht an den Tränen, voll von Glück. Das ist das Manisch-Depressive. Das ist der so genannte Mischzustand. Aber ich bin auch voller Klarheit, so empfinde ich jedenfalls. Zwar nahe am Wasser gebaut und sehr empfindlich, wenn man mich kritisiert, aber auch voller Liebe zu meinen Mitmenschen. Nein, es ist nicht ganz richtig, dass ich Kritik nicht vertrage. Ich vertrage sie nur so schlecht von Leuten, die mir ans Herz gewachsen sind. Ich fühle mich unglaublich schnell verletzt. Aber mich nervt auch diese vielfältige Kleingeistigkeit, die es hier auf Erden gibt. Diese verschlossenen Augen und zuen Ohren. Ist auch egal jetzt. Das ist auch nicht das Thema. Wie finde ich einen Ausgleich? Sport … Lesen … Ablenken von den vielen Gedanken und Emotionen … Auch einen guten Film ansehen. Nur nicht zu viel grübeln. Zum Glück schützen mich die Medis, die ich jeden Tag artig nehme. Ich spüre richtig, dass ich ohne sie verrückt werden würde. Zurzeit ist es ein Drahtseilakt. Ein falscher Schritt und ich falle oder fliege. Ich bin meiner Frau zu großem Dank verpflichtet. Danke! Sie muss zeitweise meine Maschinengewehrartigen Redeflashs aushalten, und auch die trübsinnigen Minuten. Hier an meinem Schreibtisch, heute Abend, bei gemütlichem Licht, ist alles klar. Bis eben habe ich den neuen Roman gelesen und für gut befunden. Noch etwa 50 Seiten korrigieren, dann bin ich am Ende. Stimmungsschwankungen … Es sind keine kleinen Gefühle, es sind riesige. Es sind wundervolle Hochs und ganz gemeine, dunkle Tiefs. Jeder, der solche extremen Gefühle zum ersten Mal erlebt, ist von sich selbst erschüttert. Er wird damit nicht umgehen können. Er weiß nicht, wie er handeln soll. Er weiß gar nicht, was mit ihm los ist. Er denkt aber auch nicht an Krankheit. Es wird immer extremer und endet zumeist in einem Nervenzusammenbruch. Prost Mahlzeit. Glück hat er, wenn ihn ein Freund auf seinen Zustand hinweist und zum Arzt schickt. Rechtzeitig, bevor der ganze Scheiß eskaliert und nur noch mit den härtesten Medis zu stoppen ist. Ich wünsche euch auf jeden Fall eine supercoole, gesunde Frühlingszeit. Ich liebe verrückte Menschen, es gibt nette Verrückte, aber auch sehr fiese Verrrückte, die mir lieber fern bleiben sollen.

Heute bzw. gleich lese ich in einer Schule in Nordstemmen. 10. Jahrgang. Ich freue mich sehr. So können mich die Schüler live erleben, genau in der richtigen Verfassung. Ich schreibe nachher, wie es gelaufen ist. Also tschüss erst mal   .

Die Idee

Nach einem sehr inspirierten Abend mit einem netten Freund und vor allem sehr kreativen Menschen mit unglaublich vielen hammermäßigen Ideen im Kopf, habe ich heute Mittag DIE Idee bekommen. Nicht für einen Titel für den neuen Roman, und so ganz, ganz neu ist die Idee auch nicht – aber ich habe mich heute entschlossen: Ich schreibe „Im Wahn der Zeichen“ noch einmal als 200 Seiten-Buch. Derzeit umfasst es ja 420 Seiten, was für viele Leser definitiv zu lang ist. Dann gibt es „Im Wahn der Zeichen – Das Original“ und „Im Wahn der Zeichen – der Bestseller“. Das Buch für die Masse und vor allem das junge Publikum, das ich sehr gern ansprechen und berühren möchte. Ich weiß, dass dafür andere Ideen auf der Strecke bleiben, ich könnte das Ding auch umschreiben, wenn mir nichts Besseres einfällt, doch ich denke, in sechs Monaten ist alles über der Bühne. Die Vorlage steht ja und liegt bereit. Ich werde wieder in der Ich-Form schreiben, und diesmal in der Vergangenheit, nicht in der Gegenwart. Ich freue mich total auf das Projekt – Schamoni hat mich mit „Dorfpunks“ unheimlich inspiriert. Ich liebe 200 Seiten-Romane, 240 Seiten dürfen es natürlich auch gern sein. Und vielleicht, ganz vielleicht hätte ich dann auch einen Verlag, der Interesse bekunden könnte. Aber das stellt sich erst heraus, wenn ich fertig bin. Dabei, ich könnte den Lektor die Woche mal anrufen. Warum nicht. — Der neueste Roman wird in zwei bis drei Wochen auf Eis gelegt, von mir jedenfalls, dann werden ihn die ersten befreundeten Kritiker in Augenschein nehmen. Als erstes meine Frau und Jean Coppong, was mir eine große Ehre ist. Und sofort gehts mit „Im Wahn der Zeichen los“. Ich habe keine Zeit zu verlieren. Die Zeit rennt. Die Uhr an der Wand von 1910 macht Tick-Tack.

Gestern haben wir über den kommenden Krieg gesprochen. Ist er noch aufzuhalten? Mal im Ernst, die Zeichen stehen schlecht. Nur die Verrückten können die Welt verrücken, da bin ich überzeugt von. Also lasst und verrückt bleiben oder werden. Nicht die Augen verschließen und so tun, als sei alles normal. „Was willst du kleines Licht denn verändern? Du wirst die Welt nicht verändern! Du kannst nur dich selbst verändern!“ Das habe ich mir heute angehört, von meinem guten Kifferfreund. Na klar, wenn man nur klein denkt, kann nichts Großes entstehen. WIR müssen uns verändern, das ist mir klar. Kunst verändert. Und wir sind doch Künstler, verdammt. Ich rege mich auf, ich muss ihm jetzt schreiben … Also, machts gut   !

200 Mark

Ich suche für meinen neuen Roman noch immer den passenden Titel. Ein paar wenige Ideen habe ich, aber der Kick ist noch nicht dabei.

Heute gibts für das Wochenende wieder eine Jack Daniels-Story. Viel Spaß beim Lesen.

200 Mark

„Vergiss deinen Kram einfach, okay!“ Es traf mich hart. Ich landete auf dem Rücken und blieb liegen. Er beschuldigte mich, ich schude ihm 200 Mark. Ich kannte den Typ nicht. Groß, breit, stark, zornige Augen, vernarbte Hände. Er ging. – Ich hatte keine Ahnung, was das eben sollte. Eine Frau half mir auf die Beine. Mehr waren nicht da. Wir standen unter der verdreckten Laterne. Die Frau roch nach Parfüm. Es musste so eins oder zwei sein. Sie reichte mir ein Taschentuch. „Soll ich die Polizei rufen?“, fragte sie, während ich mich sauber machte. – „Nee, lassen Sie mal. Aber vielen Dank.“ – „Ich kenne den Mann“, sagte sie. „Der ist Schriftsteller.“ – „Ach ja? Wie heißt er denn?“ – „Arnold Soundso. Er schreibt gute Sachen. Ich mag ihn.“ – „Arnold Soundso kenne ich auch …“ Mir fiel schlagartig ein, dass ich neulich beim Poker verloren hatte. Kurzes Spiel mit zwei Jungs. Ich voll wie ein Fass. Aber ja, er war dabei gewesen. Es stimmte, ich schuldete dem Kerl 200 Mark. Aber was sollte das eigentlich? Ich hatte das Geld bei mir. Der Wurm fraß das Holz woanders kaputt. „Sie kenne ich übrigens auch“, sagte sie. „Aber die Sachen von Arnold Soundso finde ich besser.“ – „So?“ – „Ihre Sachen sind langweilig. Hats alles schon gegeben. Gabs schon vor fünfzig Jahren, oder noch eher.“ Mehr sagte sie nicht. Stattdessen ließ sie mich stehen. Ich hätte gern noch was mit ihr getrunken. Ich ging in die nächste Bar und bestellte mir ein paar Mischungen. Das Leben als Single ist nicht immer schön, dachte ich und schaute mir die Gestrandeten an   .

Mir geht’s heut nicht so gut. Etwas traurig. Nachdenklich. Deprimiert. Unzufrieden. Unglücklich auch. Aber lange noch nicht depressiv für längere Zeit. So schlecht geht’s mir auch nicht. Würde ich noch kiffen und würde es vertragen, würde ich jetzt einen rauchen und wäre glücklich. Mehr braucht mal als Kiffer nicht, nur was zu Kiffen. Okay, noch Süßpeace. Auf Alkohol kann man dann auch verzichten. Ich will mich nicht beschweren. Es wäre Luxusgeheule. Ich geh jetzt schlafen. Gute Nacht   !

 

 

Du verkaufst deine Seele!

Ja? Du willst unbedingt berühmt werden. Größenwahnsinnig. Glaubst, du bist Gott. Gotteslästerung. Was glaubst du eigentlich, wer du bist! Du verkaufst deine Seele! Ja, du verschacherst sie! Verjubelst sie zu einem Spottpreis! Du wirst nur noch Spott sein! Komm mal klar. Ich bin enttäuscht von dir. Wirklich, ganz doll enttäuscht.

Ach? Nimmst du es etwa persönlich, dass ich berühmt werden will? Nimmst du es persönlich, dass ich steinreich werden will? Beleidige ich dich damit etwa? Störe ich deine friedfertigen Gedanken? Deine Liebe zur Welt? Deine Liebe zu Gott? Oder bist du etwa neidisch? Ich mein ja nur. Vielleicht, weil du schon vor zehn oder fünfzehn Jahren die Flinte für deinen größten Traum ins Korn geschmissen hast? Weil du nur breit in deiner Bude hängst, denkst, du bist ein Krieger und weise. Erzählst mir, du wärest schon so weit auf deinem Weg. Du hast es fast ins Nirwana geschafft. Ja, doch, ich muss schon sagen, du bist sogar sehr weise. Und ein Krieger bist du sowieso, weil du jeden Tag schwer ackern gehst. Und du stehst sowieso mit Gott im Bund. Er passt auf dich auf. Weil du so gut bist und so dermaßen viel für andere Menschen tust. Und du dir jeden Tag mit Gras und Hasch die Birne zuschießt. Und seit 25 Jahren den gleichen Kram erzählst. Du bist ein herzensguter Mensch, du hast den vollen Durchblick. Ja, aber ich bete den Teufel an, ich verkaufe meine Seele. Die Kleinen werden ganz oben stehen, so deine Meinung. Warum nimmst du alles so ernst, was du über mich liest und hörst? Weil du mich kennst? Und gerade weil du mich kennst, solltest du besser über mich Bescheid wissen. Du solltest MICH kennen und nicht die Journalisten. Ich finde meine Gedanken in Ordnung. Jeder Mensch ist frei in seinen Gedanken. Du vielleicht nicht? Könnte ja sein. Ich frag ja nur mal. Klar, man kann zugeknallt stundenlang Musik hörend an nichts denkend auf dem Sofa hängen, oder noch besser, vor der Glotze. Soziale Kontakte? Fehlanzeige. Freunde? Gute Freunde? Gemeinsam lachen? Kifferkontakte. Dealer. Geschäfte. Die Gedanken an den nächsten Deal nehmen dich gefangen. Und dann riechst du an dem Zeug und sagst: Boaahh, ey. Das ist echt der Hammer. Oder: Die Scheiße kannste nicht rauchen. Schade drum. Schade um die Kreativität, die du fürs Kiffen aufgegeben hast. Und immer gehen die anderen falsche Wege, biegen falsch ab und erkennen nicht den Sinn des Lebens. Der ist es nämlich, breit zu sein. Nicht zu sprechen. Das ist nämlich weise, weiß ich ja. Weise Leute schweigen. Die wissen eben einfach. Die brauchen keine Worte zu verlieren. Nee, wozu denn auch? Ehrlich, mich verletzt es genauso dich so zu sehen, wie ich dich verletze, weil ich berühmt werden will. Weil ich in meinem Wahn ab und zu Gott bin. Du brauchst mich nicht auf den Teppich zurückzuholen. Das tut jeden Tag mein Sohn. Das tut die 94-jährige Oma meiner Frau, die hier bei uns wohnt. Das tut meine Frau, meine Mutter manchmal … Ich weiß, du meinst es gut. Aber ich finde es trotzdem schade, dass du als einer meiner besten Freunde nicht mit mir meine Träume teilen magst. Ich kann das hier alles so öffentlich schreiben, weil du niemals meinen Blog liest. Weil du fast nie zuhörst. Weil du in deinem versumpften Schädel zu wenig wahrnimmst. Schade. Weißt du, die Leute die man am meisten liebt, verletzten einen auch am meisten. Du verletzt mich, ich verletze dich. Ich liebe dich. Ehrlich. Schade, dass ich kein guter Redner bin, dann hätte ich dir das alles gesagt, so wie du mir ja auch irgendwann, wenn ich mal nachfrage, alles sagst. Aber wirklich: Das ALLES muss eine Freundschaft aushalten. Sie muss. Sonst ist es keine Freundschaft. Keine Liebe. Ich wünsche dir alles Gute   !

Ach, ist gar nicht so schlimm …

Nee? Ist ja alles nur halb so schlimm. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Macht doch nichts. Nun übertreib mal nicht gleich. Raste nicht gleich aus. Bleib cool. Locker bleiben. Bleib bei dir. Wieso, uns gehts doch gut. Ach, das ist so weit weg. Nicht übertreiben. Was gehts mich! Interessiert mich nicht. Mann, du nervst mit deinem Gesülze. Laber, laber. Bla, bla, bla. Nächstes Thema bitte. Können wir das überspringen? Danke. Na na. Jetzt reiß dich mal zusammen, ist ja nicht auszuhalten. Blödes Gequatsche. Alles Lüge. Man kann doch sowieso nichts mehr glauben. Wer sagt das? Die Presse? Sieh nicht alles so negativ. Sieh nicht so schwarz. Wird schon wieder. Halb so schlimm. Das erreicht uns nie. Viel zu weit weg. Leck mich am Arsch! Jetzt lass mich in Ruhe. Nimm dir nen Strick. Du nervst. Mit wem redest du eigentlich? Mit der Wand? Hört die dir zu, die Wand? Ich glaube nicht. Keiner will dein Gelaber noch hören. Krieg, Krieg, Krieg … Wo denn? Flüchtlinge … Die will doch auch keiner haben. Ja, gleich nebenan. Sollen sie alle wieder nach Hause schicken. Alles Kriminelle. Die wollen doch gar nicht arbeiten. Guck dir mal an, wie es bei denen vor dem Haus aussieht. Ja, und wir haben keine Arbeit. Ich sag’s dir. Ficker. Wer jetzt? Ich? Ja, kann sein. Gerne doch. Immer wieder. Warum gibst du dem was? Der da macht wenigstens noch Musik. Die zocken dich ab. Schicken Kinder vor. Fick dich. Mich? Wie denn? Kann mich ja nicht selbst ficken. Würde ich aber. Politiker. Welchen denn? Na, Alle! Alle der Reihe nach weg. Außer den, den finde ich knorke. Der hat was drauf. Der sagt die Wahrheit. Aber die will ja keiner hören. Man kann doch sowieso nichts machen. Reg dich ab. Bleib locker. Was, hab ich schon gesagt? Reg dich ab. Bleib locker. Coolness. Warte, ich komme dir gleich rüber. Dann gibt’s ne Jachtreise. Einen hinter die Ohren. Rechts und links. Rechts und links. Rechts und links. Immer schön mitschwimmen. Nicht aus der Reihe tanzen. Nicht auffallen. Unauffällig bleiben. Mach dich nicht größer als du bist. Bleib auf dem Teppich. Komm mal runter. Jetzt heb mal nicht ab. Realitätsverlust. Verrückt. Schizophren. Wahnvorstellung. PARANOIA! Kameras? Wo? Da auch? Echt? Wanzen. Sender. Sateliten. Alles wird abgehört. Handy. TV. Nichts ist mehr sicher. Zinsen? Wo denn? Alles unter die Matratze. Hatz Vier. Agenda 2010. Mehr Rotwein. Viel mehr Rotwein. Da kannste nichts machen. War doch klar. Favorit. Immer einen Schritt voran. Schritt für Schritt. Rechts herum. Wir drehen uns im Kreis. Das bringt doch alles nichts. Hoffnungslos. Hoffnungslos verloren. Alles verspielt und verzockt. Haus und Hof verloren. Nichts geht mehr. Machen Sie endlich Platz für die wahre Macht. Die kommt aus dem Hinterhalt. Sie ist schon lange da. Vor dir. Vor mir. Vor uns allen. Fickmaschine. Früher hätte es das nicht gegeben. Das waren noch Zeiten. Es war ja nicht alles schlecht. Mir aber. Mir ist schlecht. Ich kotze gleich. Nazi. Du Früchtchen. Nee Alter, mit mir nicht, damit das klar ist! Hokospokus. Du siehst Gespenster. Das war ich nicht. Ich bin unschuldig. Ich? Ich hab nichts gesehen. Ich hau dir aufe Fresse, du Opfer. Mit wem redest du eigentlich? Guck mich nicht so blöd von der Seite an. Ich versteh nur Bahnhof. Komm, lass uns lieber Das Perfekte Dinner gucken. Klar, jeden Abend um die gleiche Zeit. You Porn. Zwei Minuten, höchstens. Nee, so pervers kann man gar nicht sein. Ohne mich, verstehste. Machs dir selbst. Fick dich. Ja, fick dich. Ich lach mich tot. Und das soll ich glauben? Nee, nicht mit mir, Alter. Für dreißig mache ichs dir. Zwanzig Minuten. Bin gelernte Masseurin. Na, ich bin doch keine Nymphomanin. Frauenfeindlich. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ach ja? Wo ist sie denn hingelaufen? Du drehst dich im Kreis. So gehts nicht. Immer geradeaus. Links abbiegen verboten. Rechts auch. Pass dich einfach an. Ficker. Ist auch scheißegal jetzt. Das Spiel ist eh verloren. Darauf kommt’s jetzt auch nicht mehr an. 0 zu 2. Gute Nacht. Gute Nacht. Gute Nacht, Hermann.

Ich liebe das Leben. Ich liebe die Kunst, die ich verstehe und die, die ich nicht verstehe. Und du? Du liebst mich? Mich Gescheiterten? Ich freue mich darüber, aber trotzdem freue ich mich nicht. Bis bald. Bis bald. Bis bald   !

Wer Augen hat, der sehe! Wer Ohren hat, der höre!

Der neue Roman ist (fast) fertig! Hier noch ein bisschen hämmern, da noch feilen, die Schrauben anziehen oder lockern, schleifen, polieren … Vielen befreundeten Experten zum Lesen geben, Meinungen einholen, wieder hämmern, schrauben, feilen, schleifen usw. Dann ab ins Internet damit. Und zack – weiter zum nächsten Buch. Das wird dann wohl ein ganz kurzes Ding. Ein absoluter Weltbestseller natürlich. Wird ja Zeit. Die Menschheit wartet drauf. — Auf was die Menschheit nicht warten darf, ist Krieg! Liest man Zeitung und schaut Nachrichten, kann einem angst und bange werden. Ich muss nicht wiederholen, was geschrieben steht und gesagt wird, jeder, der Augen hat, der sehe, jeder, der Ohren hat, der höre. Alter Bibelspruch. Wie krank sind die angeblich Gesunden!? Warum werden sie nicht eingeliefert und mit Medikamenten versorgt? Bayer lässt grüßen. Ich kenne da wirklich gute Mittelchen, die jede noch so kranke und verkorkste Seele stilllegen. Aber diese Mittel müssten um die halbe Welt gehen. Wenn das man reicht! Ich sehe es ja morgens schon, wenn ich meinen Sohn in den Kindergarten bringe, wie angespannt viele Eltern sind. Ein Guten Morgen oder ein einfacher offener Blick, geschweige denn ein Lächeln, sind unmöglich. Ja, ich weiß, viele sind dem morgentlichen Stress ausgeliefert, ich will mich da nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Aber in der Stadt! Aggressivität, gerade nachts, wenn ich gut gelaunt, noch den Zigarrengeschmack auf der Zunge, in der S-Bahn sitze und nicht weiß, was gleich passieren würde, wenn ich einen schiefen Blick riskierte. Stehen wir vor einem Krieg? Sind wir schon mittendrin und merken es noch nicht richtig? Müssen wir Angst haben? Keiner kann in die Zukunft sehen. Was bleibt uns denn anderes übrig, als unsere Kinder in den Kindergarten oder in die Schule zu bringen und ihnen das Gefühl von Sicherheit zu geben? Hier bist du sicher, mein Junge. Komm, komm in meine Arme. Wie viele Menschen sind noch blind! Leben bis zu ihrem engen Horizont, von der Wand bis zur Tapete, wie man so schön sagt. Bis zum Fernseher und zurück. Sieh mal nicht so schwarz! Lieber schwarz sehen, als jeden Tag alles in Farbe auf der Mattscheibe und nicht nachdenken. Aus der Schwärze auferstehen. Aufwachen. Kreativ werden. Farbe bekennen. Den Mund aufmachen. Sich nicht nur um die eigene Achse drehen. Gesundheit, Gesundheit. Ernäherung, Ernährung. KRIEG!!! Vor unserer Tür! Und was will ich? Millionen. Ach, was rede ich – Milliarden. Ein Leben in Saus und Braus. Der Porsche muss laufen. Der Tank muss voll sein. Was reden denn alle auch immer von: Der Weltfrieden muss gewahrt werden! Wo ist er denn, DER WELTFRIEDEN!? Auf dieser Welt ganz sicher nicht. Wie egoistisch sind wir eigentlich! Und wie bescheuert und kleingeistig! Wie blind! Wie taub! Wir fahren alles gegen die Wand. Und dann dieses zum großen Teil widerliche Fernsehprogramm. Zum Kotzen. Zum Reinschlagen. Es soll ja Menschen geben, die können ohne Fernseher nicht leben. Die verrückt werden, wenn sie mal zwei Tage nicht fern sehen können. Die dann unter totalem Stress stehen. Nicht einmal einen Anruf in Ruhe entgegen nehmen können. Das Ding muss laufen und laufen und laufen.

Reg dich ab, Alter. Oder sei froh, dass sich überhaupt noch was regt. — Es ist Viertel vor zehn. Ich sitze hier an meinem weißen Schreibtisch und zünde jetzt eine Kerze an. Nee, doch nicht. Aber ein bisschen mehr Gemütlichkeit wäre schon schön. Also zünde ich doch eine Kerze an und schalte das Licht hinter mir aus. Vielleicht höre ich mir gleich noch „Unbewohnt“ von Grönemeyer an, mein Lieblingslied. Ich sitze gut auf dem sedus-Stuhl für über 500 Euro. Die Uhr von 1910 macht Tick-Tack. Hemingway an der Wand schreibt immer noch. Der Schreibtisch verändert sich fast jeden Tag. Auf dem ist immer was los. Bla, bla, bla. Soll ich ewig so dahinplätschern? Was wollt ihr von mir? Was will ich von euch? Ich will euch unterhalten und ich will, dass ihr euch von mir unterhalten lasst. Dann schreib nicht so ne Depri-Scheiße, klar! Schreib was Geiles! Ich mag das Wort „geil“ nicht so gern hören. Vor allem von Leuten, die nicht raffen, wie bescheuert es sich aus deren Münder anhört. Die Möchtegern-Junggebliebenen über fünfzig. Die Möchtegern-Coolen. Oder die total Behämmerten. Wenn meine Mutter auf einmal „geil“ sagen würde, würde ich im Erdboden versinken. Ich weiß, wie oberspießig ich bin. Ist mir aber scheißegal. Ehrlich. Ist mir scheißegal. Mein Haus ist schneeweiß. Mein Porsche rot. Oder schwarz. Und der Volvo ist auch schwarz. Die Nachbarn tuscheln sowieso. Ist aber okay. Noch schlimmer als meine Autos ist meine Krankheit. Ja, es wurde wissenschaftlich festgestellt, dass Schizophrenie ansteckend ist. Ein Blick reicht schon, dann ist der Betroffene nicht mehr zu retten. Aus die Maus. Tot der Hase. Wenn Haldol nicht mehr hilft, na, dann Gute Nacht. Für immer in der Klapse. Nicht mehr zu retten. Lebenslang. — Ich gehe gleich ins Bett. Lese noch ein paar Seiten Rocko, schreibe noch ein paar Sätze ins Tagebuch.

Ich wünsche euch einen schönen friedlichen Tag  !

Kaputtes Wochenende

Es ist Samtagabend, 21 Uhr. Ich komme heut den ganzen Tag nicht richtig durch. Fühle mich matschig und habe mir erst mal einen Tee „Klarer Geist“ gekocht. Vielleicht trinke ich später noch ein Glas Wein, wenn ich zu klar bin, aber das weiß ich noch nicht. Ich bin zu kaputt, um hier einen sinnvollen Text hinzukriegen. Ich schreibe trotzdem. Ist es ein Zwang, unbedingt schreiben zu wollen? Das Gefühl, schreiben zu müssen? Ich denke schon. Ich versuche jeden Tag zu schreiben. An dich und dich und dich. Noch letztes Jahr schrieb ich ne Menge Briefe an zwei Freunde, selten kam ein Brief zurück, aber wenn, habe ich mich riesig gefreut. (Ich weiß, dass ich mich wiederhole) Ich müsste in jedem Fall mal wieder die Remington in Schwung bringen, damit die Tasten geschmeidig bleiben oder wieder geschmeidig werden. Sie steht bestimmt schon drei Monate still. Die Contessa noch länger. — Mir kam die Idee gestern (die Idee kam mir schon öfter, aber gestern seit längerer Zeit mal wieder), dass ich gerne auf dem Rockliner, den Udo mit seiner Panikfamilie chartert und übers Meer tuckert, eine Jack Daniel’s-Lesung inszinieren würde. Drei Sets Lesung, drei Sets Musik, nicht von Udo, sondern irgendwas schönes Akustisches. Wenn ich Udo treffe, frage ich ihn, was er davon hält.

Ich habe mir vorgenommen, morgen zu laufen. Besser, schnell zu gehen. Am Vormittag. Ich stopfe mir zurzeit so viel Scheiß rein – alles an Süßigkeiten, was ich im Haus finde. Und dazu noch Unmengen von Nudeln und Soße und – ach, alles Mögliche. Heute kann man sich ja Udo gut als Vorbild nehmen. Oder Karl Lagerfeld – zumindest was die Figur, die Ernährung und dazu den Ehrgeiz angeht. Ich krieg die Kurve nicht. Wenn ich unausgeglichen und unzufrieden bin, fresse ich. Wenn ich müde bin, auch. Wenn ich Hunger habe und dazu noch schlapp, bin ich nicht zu ertragen, dann halte ich mich selbst nicht aus. Da hilft nur fressen, fressen, fressen. Um dann noch deprimierter zu sein. Darauf ein paar Gläser, irgendwann gehts dann wieder. Ein ätzender Kreislauf. Wie werde ich richtig fit? Die Medis muss ich nehmen, da führt kein Weg dran vorbei. Ich muss die gesamte Ernährung umstellen, kein Zucker, abends keine Kohlenhydrate, genug Vitamine, kein Alkohol, zumindest weniger. Und Sport. Ich weiß es ja, aber noch ist der Kick nicht da. Noch hat es im Kopf nicht richtig Pling gemacht. Wie toll muss es sein, wieder rennen zu können! Oder Seil zu springen! Liegestütze! Den Deister unangestrengt hochlaufen! Und der Geist muss ganz, ganz klar sein. Wie schön kann das Leben dann sein! Ja, glaube ich wirklich. Ist auch so oft schön genug, aber körperlich bin ich ein Wrack. Warum inspiriert Alkohol den Geist so dermaßen? Warum macht Alkohol so kreativ? Und warum macht er so kaputt? Warum ruiniert er den Körper – und ja, auf die Dauer auch den Geist? Naturbreit bin ich natürlich auch gelegentlich, gerade dann, wenn ich meine Hochs, meine seelischen Orgasmen habe. Was wäre denn, wenn ich ein ganzes Jahr nichts trinken würde? Wie würde ich mich verändern? Schade, ich werde es wohl nie erfahren. — Ich könnte ja jetzt mal einen Test machen. In diesem Augenblick könnte ich mir eine Flasche Wein holen, ein Glas trinken, abwarten und schauen, was ich zu schreiben habe. Soll ich das mal tun? Ja, ich gehe jetzt runter …

Da bin ich wieder. Schalte jetzt das Radio ein und warte mal ab. — Fünf Minuten später. Der Wein schmeckt mir heute nicht. Der Tee bekommt meinem Gaumen besser. Was will ich eigentlich? Falschheit? Totale Echtheit? Kann ich denn überhaupt noch total echt sein? Ich meine, der Medikamente wegen, die meine Gefühle eindämmen. Die mein Denken beeinflussen. Was ist denn Echtheit? Was ist denn Wahrheit? So, das waren jetzt drei Schlucke Wein und schon schreibe ich anders. Schneller in jedem Falle auch. Die Musik geht mir auf den Sack. Poppermucke hätte man früher gesagt. Ich lese gerade „Dorfpunks“ von Schamoni. Bestseller gewesen. Ehrlich, ich finde meine Sachen nicht schlechter. Aber wie sprunghaft meine Themen jetzt sind. Das passt alles nicht. Es ist ja so, dass ich in den letzten Tagen ziemlich ausgeglichen gewesen bin. Keine sonderlichen Hochs, keine bemerkenswerten Tiefs. Damit bin ich nicht so ganz einverstanden. Die Hochs fehlen mir, diese grade Linie ist nicht ganz so mein Fall. Aber ich könnte diesen Zustand auch gut nutzen, glaube ich. Den neuen Roman z.B. objektiver betrachten. Übrigens brauche ich noch einen Titel. In den nächsten Tagen schreibe ich euch mal, worum es geht. Vielleicht fällt ja jemandem etwas Passendes ein.

So, ich klinke mir jetzt meine Medis ein und … keine Ahnung. — Bin deprimiert. Soll natürlich nicht heißen, dass ich gleich in eine tiefe Depression falle. Mich kotzt es an, dass ich so wenig Ehrgeiz habe, dass ich so schlecht meinen inneren Schweinehund überwinde. Lange vor einer Grenze gebe ich auf. Liegt es daran, dass ich schon so viele Grenzen überschritten habe? Das ist Quatsch. Wäre die billigste Ausrede. Man kann sich alles schön reden. Man kann alles für sich so darstellen, dass man gut bei weg kommt   .

Wochenende mit Jack Daniel’s

Ich wünsche euch ein schönes und entspanntest Wochenende. Oder feiert schön – was ihr wollt. Genießt die freien Tage, wenn sie denn frei sind.

Ich fühle mich heute morgen matschig, gestern wurde es spät. Die Abende sind oft zu schön, um sie einfach zu kappen. Dann MUSS man ins Bett, obwohl man noch hellwach ist. Der Vernunft wegen. Geht ja auch nicht anders.

Ich hatte überlegt, ob ich mit den 1000 Euro, die ich mir leihen kann, „weg“ veröffentliche. Werde ich wohl tun, aber erst im Herbst. Dann gehts auch gleich auf „RIESENGROßE“ Lesetour. Ganz Linden wird unsicher gemacht … Nein, ehrlich, ich freue mich auf das Buch. Wenn ich doch noch den Elan hätte, Verlage anzuschreiben …

KENNT JEMAND EINEN SERIÖSEN LEKTOR??? Oder eine Literaturagentur??? Ich habe hier nämlich Buchbomben liegen, die sich in eine Million Splitterseiten verteilen, wenn sie aufschlagen.

So, heute zum Wochenende (Wie von nun an jedes Wochenende) bekommt ihr wieder einen Jack Daniel’s-Text. Viel Spaß beim Genießen!

IMBISS

Yvonne arbeitet für ihn und ist gleichzeitig seine Freundin. Ich bestelle ein Bier und einen Hamburger. „Deine Sachen sind nicht schlecht“, sagt sie. – „Deine auch nicht.“ Ich grinse sie an. Sie geht ihrer Arbeit nach. Ich auch. Krame Block und Stift aus meiner Jackentasche und schreibe ein paar Sätze. Sieht bestimmt poetisch aus. Ich trage ein verwaschenes Jeanshemd. Als sie mir das Bier bringt, sagt sie: „Ich würde mir ja einen schöneren Ort zum Schreiben suchen.“ – „Aber du bist nun mal hier“, sage ich. – „Paul, lass das, du weißt, dass ich mit Gerd zusammen bin.“Sie dreht sich um und verschwindet in die Küche. Ich krickel noch ein paar Sätze hin. Es riecht nach Frittenfett und Fleisch. Frische Buletten. Die Friteuse zischt. – Sie bringt den Hamburger und scharfen Senf. Ich lecke mir die Lippen. Sie streckt mir den Stinkefinger entgegen. Sie grinst. Sie scharwenzelt zum Nebentisch und nimmt die Bestellung einer 30-Jährigen auf, die reicht aussieht. Ist sie auch, sie bestellt Weißwein und Kartoffelecken mit Salat der Saison. Ich mag sie. – Ich weiß gar nicht, warum Yvonne so abweisend ist. Die letzte Nacht war nicht schlecht. Und heute morgen, als wir in der Wanne saßen und Jack Daniel’s-Cola tranken pfiff sie noch fröhlich „Alles klar auf der Andrea Dorea“ von Udo   .

Mitten in der Woche

Mittwochabend, Viertel vor elf. Bayern hat 5:1 gegen Arsenal gewonnen. Ich hab’s mir angeschaut, hat Spaß gemacht, egal hinter welcher Manschaft man steht. Sie können es. Man darf sich auch nicht darüber beschweren, dass die Fußballprofis so unglaublich viel Geld verdienen. Darf man natürlich schon, bringt aber nichts. Die Zuschauer zahlen einen Großteil der Gehälter. Sie wollen schönen Fußball sehen, und manchmal bekommen sie ihn auch geboten. So wie heute Abend. Ob ich die Gehälter ungerecht finde? Wen interessiert das? Man kann ja eine Menge machen mit dem vielen Geld. Zum Beispiel Porsche fahren … Oder verreisen, wenn man denn Zeit hat. Na ja, hört man mit Mitte dreißig auf, hat man die Zeit. Ich mag mir jedenfalls schöne Spiele ansehen. Bestimmt fangen viele Sporter „sinnvolle“ Dinge mit ihren Millionen an. Sie hängen es nur nicht an die große Glocke. Aber wirklich, es soll Menschen geben, die können den Hals nicht vollkriegen. Die bunkern ihr ganzes Geld und wollen mehr und noch mehr. Wofür? Es gibt Dinge, die kann ich nicht verstehen. Muss ich auch nicht. Ich bin mir zurzeit nicht mehr sicher, ob ich Millionen verdienen werde. Ja, ich habe Zweifel. Und das im „Fast“-Frühling, wo ich normalerweise sehr euphorisch bin und meine Gedanken kaum aufzuhalten sind. Man könnte jetzt sagen, das spricht für mich. Für meine Gesundheit. Für meinen gesunden Menschenverstand. Für die Normalität. Ob ich sie mag, die Normalität? Manchmal. Lieben tue ich das Verrückte. Die Verrückten. Die netten Verrückten. Nicht die Aggressiven. Ich gehe jetzt stark auf fünfzig zu. Ab diesem Alter wollte ich meine Familie ernähren können. Kann ich mit diesem Blog schon mal nicht. Von 644 Lesern sind 61 (heute) geblieben. Es ging rasend schnell bergab. In wenigen Tagen. Und warum? Weil mein Geschreibe nur die wenigsten interessiert. Ich kann es trotzdem nicht glauben? Was? Dass ich nicht eines Tages meine Familie von der Schreiberei ernähren kann. Der Glaube ist in mir. Man darf hadern. Wer will es einem verbieten? Ich brauche nur das richtige Ding. Den Zeitgeist treffend. Scheiße darf ich selbstverständlich auch nicht schreiben. Es muss was Magisches sein. Der „Weltbestseller“ ist so was von magisch. Magischer geht nicht. Aber es sind Gedichte, und dann auch noch Reime. Wer will die heutzutage noch lesen? Ich hab sie gar nicht erst einem Verlag angeboten. Wozu auch? Absagen habe ich in meinem Leben genug abgesahnt. Es würden noch mehr dazu kommen. Also was soll der Scheiß! Ich setze mich gleich in meinen Wagen und knalle mit 300 die Autobahn runter. Mitten durch die Nacht. Techno dröhnt aus den Boxen. Für heute habe ich genug geschrieben. Jetzt wird geträumt.

Ich wünsche euch einen wunderschönen Tag   !

Sonnenschein und Düsternis

Ein wunderschöner Wintertag. 8 Grad plus und Sonne. Ich saß sogar eine halbe Stunde auf der Terrasse. Jetzt ist es 17 Uhr und immer noch hell. Mein Fenster im Arbeitszimmer geht nach Westen raus, die Sonnenstrahlen treffen auf die weiße Wand und verleihen ihr einen gelblich, cremefarbenen Ton. Das Fenster steht auf kipp, ich spüre den leichten Zug der frischen, klaren Luft. Und na klar – die Wanduhr von 1910 tickt, das Pendel schwingt. Die Bleistiftzeichnung von Hemingway hängt links an der Wand, er ist ins Schreiben vertieft. Schade, dass ich hier aus diesem Zimmer nicht die wundervolle Aussicht über Felder zum kleinen Deister habe. Ich schaue auf ein weißes Einfamilienhaus, dazwischen sind aber noch Sträucher, Terrasse und ein Stück Rasenfläche. Ich bin zufrieden. Ich bin sowieso zurzeit zufrieden mit meinem Leben. Ich fühle mich ziemlich ausgeglichen, klar, immer mit ein paar Hochs und Tiefs. Die sich aber alle im Rahmen halten. Ich überschreite nicht den Rand. Na ja, manchmal strecke ich den Arm drüber und balle die Faust. An der „großen Freiheit“ schnuppern. Oder ich verkrieche mich unten in die Ecke, falle aber nicht weiter runter. Ich halte mich. Meine Gedanken flitzen von Bande zu Bande, stehen selten still. Gut so. So ist der Geist wach und kreativ. Oft bin ich aber auch schlapp – körperlich. Ich sollte endlich Sport machen! Zumindest jeden Tag spazieren gehen, fünf bis zehn Kilometer. Wenn der neue Roman durch ist, ordne ich mir einen Monat Schreibpause an. Ich dachte ja, ich schreibe dann was ganz Aktuelles. Ist aber vielleicht doch nicht so. Vielleicht krame ich auch etwas ganz Altes hervor und überarbeite es – hier fliegt genug rum. Ich bin auf mich selbst gespannt. Kann ganz spontan gehen. Ich hätte auch Lust, mich mal wieder mit ein paar Freunden zu treffen. Meinetwegen vormittags – im Frühling kann man ja nett vor einem Café sitzen und Tee schlürfen. Leute beobachten, Szenen und Wörter notieren. Oder einfach abhängen und träumen. Ich freue mich sehr auf die warme Jahreszeit. Am liebsten habe ich die Abende mit meiner Frau auf der Terrasse. Freie Abende. Feierabende. Ja, tatsächlich ist es ein Fest, mit meiner Frau im Dunkeln draußen zu sitzen und zu reden, zu klönen, auch mal zu schweigen. Am schönsten ist es, wenn der Wind von Norden weht, eine ganz leichte Brise reicht schon, dann hört man keine Autogeräusche von der Bundesstraße. Der Wind drückt sie weg. Herrlich. – Ich muss jetzt los zu meiner Mutter, bin zum Abendessen eingeladen. Bis später …

Es ist halb elf. Ich bin noch ziemlich wach. Es ist zu spät für ein Glas Wein. Dann komme ich morgenfrüh nicht gut aus den Federn. Also trinke ich Schlaftee mit Baldrian und irgendwelchen Kräutern. Richtige Müdigkeit bringt aber nur die Schlaftablette. Ich werde gleich im Bett noch ein paar Seiten Rocko lesen, dann noch einige Zeilen ins Tagebuch schreiben. Schade, dass das Leben oft so eingeschränkt ist. Ich weiß, ich darf mich nicht beschweren. Welcher arme Autor hat schon das Glück, so eine Freiheit zu genießen, wie ich sie genießen darf! Dennoch ist die Freiheit begrenzt. Wäre sie das nicht, würde ich jetzt in eine Bar fahren, eine Zigarre rauchen und etwas trinken. Kurz ins Taxi und gut. Es gibt eine Menge Menschen, die sich so einen Luxus leisten können. Ob sie glücklich sind, weiß ich natürlich nicht. Bin ich glücklich? Manchmal ja. Meistens nicht. Zufrieden schon. Das sollte ja auch reichen, sagt man. Glücksmoment. Ein Augenblick des Glücks. Ein Glücksrausch. Wann warst du zum letzten Mal richtig glücklich? Weißt du es noch? Als du einen Orgasmus hattest? Ist das Glück? Vielleicht für manche. Ich kenne anderes Glück. Ich kenne wahre Euphorie. Über Wochen. Ja, ich kenne aber auch die Hölle danach. Den Keller. Das nasse dunkle Verließ. Trotzdem sind die arm dran, die nur depressiv sind im Leben. Nie manisch. Die nur die Tiefe kennen. Und den „normalen“ Zustand. Nicht die Höhe. Die immer unter dem oberen Rand kleben bleiben. Die es nicht schaffen, ein Loch zu bohren oder ein Stück aus dem Rahmen herauszureißen. Das Loch muss groß genug sein, um es wiederzufinden, um hindurchzusteigen und es dann zu kitten.

So, jetzt die letzte Tasse Tee. Und die letzten paar Sätze für heute. Wie gern würde ich mir jetzt hier in meinem Zimmer eine Zigarre anzünden und bis morgens um vier schreiben. Dann bis mittags schlafen, was essen und weiterschreiben. Aber ja, morgenfrüh strahlt mich mein Sohn an und fragt, ob wir spielen. Um sieben meistens. Das ist im Übrigen ein Glücksmoment. Und jetzt, wenn ich ins Bett gehe und mich neben meine Frau lege, ihre Hand berühre, dann ist das auch ein Augenblick des Glücks. Was will ich also? Ich habe ein Dach überm Kopf, eine Heizung, warme Kleidung, was zu essen, den totalen Luxus. Ich bin einigermaßen gesund. Auf jeden Fall fühle ich mich momentan so. Jetzt. In diesem Augenblick. Morgenmittag, wenn ich meinen toten Punkt habe, nicht mehr. Dann spüre ich meine Krankheit. Dann weiß ich, da ist was ganz und gar nicht in Ordnung. Die Psyche. Klar, anderen gehts viel schlechter. Ich weiß. Ich habe Augen und Ohren. Ich habe eine Zeitung. Ich sehe manchmal fern. Ich gehe in die Stadt. Jetzt am Wochenende in Hamburg habe ich die übelste Armut gesehen. Menschen, die sich in Hauseingängen mit ihren paar Habseligkeiten bei minus zehn Grad verschanzen. Wir gehen dran vorbei und lachen eine Sekunde später wieder. Es gibt Leute, die sich lustig über solche armen Geschöpfe machen. Ich hab’s Samstag gesehen und gehört. Jugendliche können grausam sein. Erwachsene auch, natürlich. Ich soll nicht so düster denken. Heute hat mich ein Freund angerufen, nachdem er im Blog „Der sterbende Künstler“ gelesen hat. Er fragte, ob’s mir gut ginge. So düster seien ja eigentlich immer seine Gedanken, nicht meine. Hm. Ich finde meine Gedanken nicht düster. Ich denke normal, finde ich. Besser düster, als gar nicht denken und nur in die Glotze starren. Egal, welche Sportsendung, Hauptsache Glotze. Kommst du nach Hause, Glotze an. Das Letzte, was du tust, Glotze aus. Du krepierst vor der Glotze. Mir gefallen düstere Gedanken ganz gut. Nicht mit Horrorgedanken zu verwechseln. Ist auch scheißegal jetzt. Ich springe von Punkt zu Punkt, da ist keine Linie drin. Wo denn überhaupt „drin“? Im Denken? Nee, in meinem Denken nicht. Und das ist gut so — finde ich   !