Vorbei!

So Leute, der letzte Abend mit meiner Frau hier auf der Terrasse in Chatham. Mit meiner Frau, einem Glas Wein und einer fetten kubanischen Cigar. Den letzten Nachmittag haben wir mit Sonnenuntergang am Strand erlebt. Noch ein paar Robben im Atlantic auftauchen und untertauchen gesehen, ein paar niedrige Wellen, ein leichter Wind, der salzige Geschmack auf den Lippen. — Habe gerade mit meinem guten Freund Jean Coppong in Hamburg telefoniert, bei ihm ist es jetzt 3 Uhr morgens, er wollte gerade mit Stirnlampe joggen gehen. Macht er immer, vor allem samstags, weil er da bis acht Uhr ausschlafen kann. Zuvor hat er vier Flaschen Wein getrunken über den Abend verteilt – Speed für das Herz – 60 Kippen – Koks für die Lunge. Er joggt immer in weißer Unterhose und Muskelshirt, die Reeperbahn hoch und runter, hoch und runter. Kassetten-Walkman über den Ohren, ist ja klar. Ich freue mich schon drauf, ihn zu treffen, dann laufen wir gemeinsam, in Hannover die Ludwigstraße rauf und runter, mit Abstecher am Steintor vorbei. Ich mit Motorradhelm, wegen der Stürze. Deutschland kann ja so lustig sein, wenn man zu feiern weiß. Ich muss mich unbedingt mal wieder selbst richtig feiern, so ne Ein-Mann-Fete, mit allem Drum und Dran. Jean ist extremer Anti-Trinker gewesen bis zu seinem zwölften Lebensjahr. Er hasst Alkohol noch immer, und um das zu vergessen, trinkt er jetzt. Lange war er deswegen in Therapie, bei mir, als ich selbst viel getrunken habe. Wir haben gemeinsam beschlossen, so wie wir auch gemeinsam laufen, dass wir nur noch trinken werden. Von morgens bis abends, nachts joggen wir ja. Wir wollen uns für die nächste Olympiade zum Parasaufenrauchenjoggenwanken anmelden. Wer am meisten verträgt und am schnellsten auf die Fresse fliegt, wieder aufsteht, weiter wankt und wieder auf die Fresse fliegt. Und wer am Ende länger liegenbleibt ohne rauchen zu müssen. Der Hauptgewinn ist natürlich der goldene Gral voller Wodka. Wir konnten uns nicht entscheiden – Wein oder Whiskey, also wurde es Wodka. Der goldene Gral ist ein Swimmingpool auf Malle. Wer länger drin tauchen kann, hat dann endgültig gewonnen. Es gibt immer ein paar Neider, die Streichhölzer werfen, deswegen ist es ratsam, möglichst so lange unten zu bleiben, bis die blaue Flamme auf der Wasseroberfläche erloschen ist. Die Zuschauer stehen am Beckenrand und johlen und jubeln, manchmal wird auch einer reingeschmissen. Das sieht immer so schön aus. Vor allem von unten. Wenn man auftaucht, ist man immer für sechs Tage blind und kann drei Wochen nicht sprechen. Aber ehrlich, DABEISEIN IST ALLES. Jeder kann sich bewerben ab 12 Jahren. Das hat auch wirklich nichts mit Kinderarbeit zu tun, wenn die Eltern für Söhne und Töchter unterschreiben. In manchen Ländern ist das Training sehr hart, da werden die Kinder schon mit drei Jahren auf diesen Sport gedrillt, es geht nur ums Siegen. Ich kenne eine ganze Menge der Eltern, und ich hoffe und bange mit ihnen. Wie ihr merkt, bin ich schon wieder ganz in einem anderen Film, nicht mehr hier in den USA. Hier ist der Zug abgefahrn, jetzt wird wieder überlebt. Montag gehe ich zu meiner Psychiaterin und sage: „Hey, alles klar in den USA gewesen, nichts passiert, Medis waren klasse, jetzt brauche ich wieder mehr. Immer her damit – ja klar – danke.“ Die Zigarre ist jetzt aus, der Wein fast leer, schade, wirklich schade. Das letzte Mal ins Bett in diesem Haus, das letzte Mal aufwachen, dann nach Boston im fetten Van. Ich danke euch, dass ihr bei mir wart, ich hatte ne Menge Leser jeden Tag. Das spricht für Amerika. Ich möchte noch viel mehr sehen vom Land der Freiheit und des Reichtums. Klar, freisein kann man in Indien auch, aber in Indien werden zu freie Frauen oft genug umgelegt. Redet nur kein Mensch drüber. In einigen Ländern werden homosexuelle Menschen gefoltert und zum Tode verurteilt. Redet auch keiner drüber. Hier auch. Ganz bestimmt. Das Land ist riesengroß. In Texas herrschen andere Gesetze als in Kalifornien. Was ist überhaupt Freiheit? Darüber möchte ich heut nicht mehr schreiben. Ich bin auf jeden Fall nicht so frei, um sagen zu können, ich bleibe noch drei Monate hier. Also, was ist Freiheit? Machen zu können, was man will? Dazu muss man erst einmal wissen, was man will. Ich habe nicht einmal die Freiheit, besser gesagt, ich nehme mir die Freiheit nicht, zu schreiben, was und wie ich will. Würde ich das tun, würde man mich verurteilen. Also immer auf dem Teppich bleiben, der Familie wegen, der Freunde wegen, der ganzen verkackten unfreien Welt wegen. Meinungsfreiheit, klar, dazu muss man aber erst mal eine Meinung haben. Heute die, morgen die, na und! Prinzipien, morgen kann man wieder ganz anders denken. Na und! Nichts Lebendiges steht lange still. Jaja, in der Ruhe liegt die Kraft. Oder in der Bewegung? Tja. Hat beides was für sich. Habt ihr schon aufgehört zu lesen? Ich kann es euch nicht verübeln. Macht, was ihr wollt, aber seid am besten frei dabei. Darauf kommt es im Leben an, auf nichts anderes. Jaja, auf Pflichten, ich weiß. Was wollt ihr? Was will ich? Reich werden. Gesund bleiben. Meine Augen tränen, die Müdigkeit, der Rauch, die Kälte. Ich werde nach Hause kommen und die Absagen der Verlage lesen. Enttäuscht sein. Aber nur kurz. Ich werde die Absagen nicht verstehen, denn es gab ja nur dreißig Seiten Leseprobe von Mucho Guscho. Ich werde das Buch selbst veröffentlichen, 100 verkaufen, wenn es gut läuft, Freunden beim Renovieren helfen, Wein trinken, Whiskey schlürfen, den Alltag bewältigen. Es war schön, hier drei Wochen lang geträumt zu haben, vielleicht geht der Traum weiter, vielleicht auch nicht, heute Abend nicht mehr. Ich gehe jetzt schlafen – Gute Nacht   !

Vorletzter Abend in Chatham

Heute Abend ist es frisch, der Wind lässt die Blätter zittern und rascheln, das Meer rauscht, die Grillen sind fast verstummt. Es ist nicht so feucht wie sonst, aber die Strickjacke reicht gerade noch. Vorhin waren wir am Leuchtturm und dem wunderbaren großen Strand mit seinen bewachsenen Dünen. Mein Sohn sammelte durch das Meereswasser abgeschliffene glatte Steine, wobei wir hundert Fotos geschossen haben. Das Meer glänzt dunkelblau, die Wellen rauschen weiß an den Strand. Manche Maler verstehen es, die Farben herrvorrgagend zu treffen, ich habe hier wundervolle Bilder betrachten und bestaunen dürfen. Wir sind ein letztes Mal über die Main Street geschländert, um noch ein paar kleine Geschenke zu besorgen. Hier in Chatham gibt es viele kleine Lädchen mit Gedöns, ein paar Galerien und Kunstgeschäfte, Juweliere, Eisdielen, Klamottenboutiquen, eine Kneipe, die Squire heißt und sehr einladend aussieht (vielleicht gehen wir morgen am letzten Abend noch hin und trinken was) und eine wunderschöne alte Bibliothek. Gerne wäre ich noch einmal nach Provincetown gefahren … Egal. Mucho Guscho MUSS von einem Verlag angenommen werden, ich brauche einen dicken Vorschuss, ich möchte im Mai, bevor mein Sohn zur Schule kommt, wiederherkommen. Das muss doch irgendwie zu machen sein, vorerst die letzte Chance. Träume, Träume, Träume. Wünsche, Wünsche, Wünsche. Das hatte ich noch nie – dass ich nicht nach Hause möchte. Die traurigen Augenblicke verteilen sich über den Tag. Jetzt weiß ich noch mehr, warum ich jeden Tag schreibe und hoffe und träume. Ein neuer Traum ist hinzugekommen, ich weiß allerdings auch, was hier ein Haus kostet, will man es für eine Woche regulär mieten. Kein Zuckerschlecken. Vielen, vielen Dank noch einmal an unsere guten Freunde, die uns diese Reise ermöglicht haben. Wir wussten jeden Tag zu schätzen. Wir nehmen tausend Eindrücke mit nach Hause, und Kraft, und Ideen, und unkreativ war ich in diesen drei Wochen ohnehin nicht. Mucho Guscho hat den letzten Schliff bekommen, so wie das Salzwasser des Atlantics die Muscheln und Steine schleift, und ich habe euch jeden Tag auf dem Laufenden gehalten. Ich musste mich dazu kein einziges Mal zwingen, die Worte und Sätze sind geflossen wie Quellwasser. Oft bestimmt nicht so klar und rein (der Qualm, der Whiskey, der Wein), aber immer mit Leib und Seele. In Hannover lese ich immer am nächsten Tag noch einmal gegen, damit nicht zu viel Schund in die weite Welt geschickt wird, darauf habe ich hier verzichtet. Einmal direkt nach dem Schreiben gegengelesen und ab dafür. Es hat mir viel Freude gebracht, das alles zu tippen. Wenn es gut läuft, kommt morgen der letzte Artikel von Cape Cod, Samstagmorgen gehts nach Boston, den Leihwagen wegbringen, dann zum Flughafen, um 17 Uhr starten wir. Es geht bis Manchaster, wo wir über sechs Stunden Aufenthalt haben werden, dann weiter nach Hannover. Sonntagabend sind wir dann nach über 24 Stunden zu Hause. Hier in den USA habe ich eine Woche gebraucht, um mit der Zeitverschiebung richtig klarzukommen, zurück in Deutschland soll es noch schwerer sein. So schnell wie möglich werde ich die Korrekturen im Roman übertragen, darauf setze ich mich an „Im Wahn der Zeichen“. Der Bewerbungsfilm mit Jean Coppong für Udos Rockliner soll in Hamburg gedreht werden, ein paar Hilfestellungen bei Renovierungsarbeiten von Freunden stehen an. Und dann ist ja (ob ihr es hören wollt oder nicht) bald Weihnachten. Damit ende ich heute. Bis wahrscheinlich morgen   !

Ich bin verliebt!

Ja, es hat mich hart erwischt. Es war Liebe auf den ersten Blick, und auf den zweiten und dritten und hundertsten kam es noch viel doller. Ich bin heut den ganzen Tag in einem melancholischen Zustand, was bestimmt auch unter anderem damit zusammenhängt, dass es in drei Tagen nach Hause geht. Gerne würde ich mich hier tief im Sand einbuddeln und erst wieder rauskommen, wenn der Flieger gestartet ist, meine Frau und meinen Sohn würde ich mit einbuddeln, wir würden es noch weitere drei Wochen hier genießen können. Meine Schwiegermutter freut sich auf zu Hause, sie sagt, ihr hätten drei Wochen gereicht. Mir nicht! Ich bin verzaubert – der Zauberer ist verzaubert. In meinen manischen Phasen, als ich glaubte, nichts könne größer sein als die Magie, in meinen euphorischsten Minuten, als ich glaubte, Wind zu sein, als ich mir sicher war, ich sei der Mittelpunkt der Welt, war ich glücklicher denn je. Ich ging in die Psychiatrie, klar, ich wurde vollgepumpt, die Realität holte mich bald ein – doch die Sehnsucht nach diesen klaren Glücksmomenten blieb lange bestehen. Heute möchte ich nicht mehr richtig manisch sein und den Boden unter den Füßen verlieren, ich war im Himmel und in der Hölle, es ging nicht höher, es ging nicht tiefer. Mir reichen die „kleinen“ Kicks, die kurzen euphorischen Augenblicke, die Minuten. Sie näheren mich mit Kraft, mit Lebensfreude, mit Zuversicht und Hoffnung. Mein Glaube gibt mir unglaublich viel Energie für meinen Weg. Mein Weg MUSS mich für mehrere Wochen zu meiner neu gewonnenen Liebe zurückführen. Ich MUSS sie wiedersehen! Sie riechen, sie fühlen, sie erfassen, sie leben, ausleben. Sie ist mehr männlich als weiblich, würde ich sagen. Und doch ist es eine Sie. Ihr wisst, wen ich meine, nicht wahr. Sie ist ein einiziges absolut lebensbejahendes, liebenswertes, freundliches Kunstwerk. Kunst hört sich so dunkel durch das U an. Aber in Provincetown ist es ganz, ganz hell, die dort lebenden Seelen leuchten zum Teil wie Sterne. Man kann sagen, dort lebt die Freiheit Amerikas. Jaja, ich hatte nur einen Tag, um einen Eindruck zu gewinnen, aber dieser eine Eindruck hat mich mehr geflasht, als alle anderen Städte, die ich bisher kennen gelernt habe. Nicht zu vergleichen mit Berlin oder Hamburg, keine Frage, dieser Vergleich wäre völlig meschugge. Kann man Städte überhaupt vergleichen? Ja, vielleicht manchmal. Aber jede Stadt hat ihren eigenen Stil, zumindest haben einige Bezirke oder Viertel Stil. Stilloses gibt es auch zuhauf in Städten. Wir haben ja auch nur die Sahne auf der Torte gesehen, die Commercial Street, und das auch nur bei Tage. Ich glaube, keine Straße auf der Welt kann mehr Erotik und Sex verkörpern als diese. Keinen dreckigen Sex, falls es den gibt, sondern göttlichen Sex. Frei in allen Bezügen. Ja, wir sind auch an einer Suppenküche für Obdachlose vorbeigekommen, haben verwirrte Leute gesehen, die auf Droge hängengeblieben sind, sehr arme Menschen, aber dann lieber in einer solchen Stadt direkt am Atlantic verrückt und arm, als zum Beispiel im grauen Duisburg oder so was. Keine Vergleiche bitte. Auf jeden Fall fliege ich noch einmal hin, auch wenn ich noch ein paar Jahre warten muss. Um eine Liebe muss man manchmal kämpfen, sie kommt meistens nicht von allein, wie dieses eine Mal, wie gestern, ganz plötzlich. Ehrlich, ich hatte das noch nie mit einer Stadt. Ich war in Florenz, in Siena, in Danzig, auch in etlichen deutschen Städten, aber so etwas wie eine tiefe Liebe war nicht dabei. So wundervoll die Toscana auch ist, so wundervoll Siena ist … Vergleiche zwecklos, gib es auf, Taube! Provincetown war für mich eine schiere Welle des Glücks. Gerne hätte ich mich in ein Restaurant gesetzt und zu Mittag Fisch gegessen, noch mehr die Menschen beobachtet, noch mehr Leben eingesaugt … Egal jetzt, Samstag geht es zurück ins kalte, nasse, trübe, dunkle Hannover! Hier sitzen wir noch nachts um elf in T-Shirt auf der Terrasse und hören das Meer rauschen und die Grillen zirpen. Was ist besser? Schade, dass ich in meinem Leben so wenig gereist bin. Meine Freunde waren in so vielen Ländern, haben so viel gelesen, ich hatte mit meinen Psychose zu tun. Kein Selbstmitleid bitte! Nee, habe ich auch nicht. Aber Hannover ist doch wirklich nicht der Hit. Ich weiß gar nicht, warum die Scorpions und Heinz Rudolf Kunze und 500.000 andere Menschen dort leben. Hamburg würde mich viel mehr reizen, dann natürlich auch in der richtigen Gegend. Und was braucht man? Meine Mutter sagte vor gar nicht so langer Zeit zu mir, ich sei auch nie zufrieden. Meine Frau sagt das auch ab und zu. Doch, ich bin ganz, ganz oft zufrieden, aber nur für eine gewisse Zeit, dann muss es weitergehen, dann sind neue Ziele zu erreichen. Und was habe ich bis jetzt überhaupt alleine erreicht? Fuck. Glück, ich hatte nichts als Glück. Eine Krankheit, eine Rente, ein Erbe. Ich meine, was hab ich selbst für diesen materiellen Reichtum getan? Nichts als Glück gehabt. Danke. Ich kann mir nichts auf meine Fahne schreiben. Meine Frau geht hart für meine Familie arbeiten. Danke. Ich habe auch hart gearbeitet, arbeite immer noch hart, schufte so gut wie jeden Tag an meinen Romanen und Gedichten und Stories wie ein Irrer. Egal wie schlecht der Scheiß ist, Arbeit macht er allemal. Es ist eine schöne Arbeit, das will ich nicht abstreiten, die schönste Arbeit der Welt für mich, aber mancher Frisör empfindet seine Arbeit ja auch als die totale Erfüllung. Ich war mal bei einer Frisörin zum Haareschneiden, die sagte, wenn ein Kunde zufrieden sei, und sie auch, sei es für sie besser als ein Orgasmus. Dabei strahlte sie mich an und streichelte mir über mein Haar. Das meinte sie ganz ernst. Wenn ich erotische Szenen schreibe, oder mir etwas anderes wirklich gut gelingt, bin ich auch absolut befriedigt. Bin ich gut vorangekommen, brauche ich nichts anderes, bis auf eine Zigarre und ein Glas Whiskey vielleicht. So, jetzt reicht es mal wieder. Ich habe euch an meinem schönen Leben teilhaben lassen, habe geplaudert und war sehr offen. Bis denne, euer Weltschriftsteller   !

Provincetown

Das nenn ich cool! Nie so viele Galerien mit schönen Werken in einer Straße gesehen wie in Provincetown. Nie so viele interessant wirkende Künstler auf einem Haufen wahrgenommen, wie in dieser gemalten Hafenstadt direkt am Atlantic. Nie so viele schwule Pärchen irgendwo anders auf der Welt erlebt. So viele coole Tattoos auf Armen und Beinen und bestimmt überall anders auch. Herrenboutiquen über und über, kleine Läden, Zigarren, Whiskey, Schmuck, Fantasy in ALLEN lebenslustigen Bereichen, die besten und einladendsten Bars, alles an Accessoires, was das Männerherz begehrt, eine Stadt, eine Meile, die zum Aussteigen, gerade für Homosexuelle, geradezu einlädt. Und auch jeder Künstler sollte Provincetown unbedingt einen Besuch abstatten. Eine strickende Männerrunde draußen vor einem Café um einen runden Tisch. Völlig frei. Alles friedlich, alles easy, alles cool. Neben Key West soll es die liberalste Stadt Amerikas sein. Könnte wirlich so sein, nach Key West möchte ich auf jeden Fall auch noch mal. Wenn ich bald Multimillionär bin, werde ich, bevor ich mir wahrscheinlich ein Haus auf Sylt kaufen werde, mir noch einiges mehr in den USA angucken. Aber wie ihr wisst, kommt ja sowieso immer alles ganz, ganz anders, als man es sich vorstellt. Plötzlich brennt dein Haus ab, dein Wagen geht in Arsch, die Waschmaschine hat ein Loch, der Trockner, der Geschirrspüler, alles auf einmal. Und du latscht zur Bank und der Bänker sagt, ihr Konto war doch mal so voll, da hat gar nichts mehr draufgepasst, aber jetzt mein verehrter Herr, ist es so leer wie ein löchriger Eimer. Tut mir leid. Wisst ihr was – ich habe einen neuen Lieblingsspruch gestern bei Buk gelesen: „Ich besinne mich auf den Whiskey, gieße mir einen ein. Trinke ihn. Deshalb bin ich Schriftsteller geworden. Deshalb habe ich mich aus den Fabriken herausgekämpft. Das ist der Sinn und der Weg.“ Eine Lebensweisheit, die ich gern teile. Genieße den Augenblick, auch wenn der Augenblick ein Traum ist. Greif nach deinen Träumen. Seh sie dir an, lächele über sie, aber nimm sie ernst. Erfreu dich an ihnen, sie kommen immer wieder, um dich zu erhellen. Sie bringen dich immer ein Stück näher ans Ziel, egal, wie dein Ziel auch aussehen mag. Lass dir dein Ziel nicht madig machen, es ist deins, es ist dein Traum, es ist dein Weg, den du allein beschreiten wirst. Vielleicht in Begleitung, wenn es gut läuft, ein ganzes Leben lang mit deiner Liebe, mit deinen Liebsten. Aber auch sie gehen ihren eigenen Weg früher oder später, spätestens jedoch nach dem Sterben. Nehme ich jedenfalls an, wissen tut es hier auf Erden keiner, nicht einmal so ein Prophet wie ich, der in die Zukunft schaut. Und träumt. Ach Leute, ist das Leben nicht wunderbar? Meins meistens schon. Meine Frau sitzt mir gegenüber auf der Terrasse und schreibt für unseren Sohn ein Urlaubstagebuch, wir nippen an unerem Weißwein, schauen uns ab und zu an, reden ein paar Worte und vertiefen uns wieder in unsere Arbeit. Das ist Glück, meine Damen und Herren! Das ist Lebensqualität. Das ist Freiheit. Jedenfalls für ein paar Minuten oder Stunden. Wir sprachen gerade davon, wie wundervoll es ist, im September, nach der Saison, hier sein zu dürfen, so viele tausend Kilometer von Hannover entfernt, wo nur noch so wenige Touristen hier sind. Die ersten Blätter an den Bäumen färben sich braun und rot, der Indian Summer steht vor der Tür, es muss einmalig schön sein. Das Autofahren auf den Straßen ist völlig entspannt, der rechte Arm liegt bequem auf der Armlehne, einen ruhigen Radiosender hast du an, alle sind stil im Wagen und genießen die Bäume, die Landschaft, das Meer, das Licht, ja, dieses erhabene Licht. Gerade noch zirpen die Grillen, es ist angenehm mild, man hört die ganze Zeit den Atlantic rauschen, manchmal die Robben heulen. Es ist ein realer Traum. Ich erlebe und lebe ihn gerade. Danke. Schade dass unser Sohn nächstes Jahr zur Schule kommt, ich wäre gern im September noch einmal hergekommen, aber das ist aussichtslos. Die Seifenblase zerplatzt, es sei denn, der Weltbestseller kommt bald. Dann darf meine Frau einmal im Jahr einen Wunschurlaub machen, und einmal im Jahr darf ich einen machen. Heute habe ich einen Spruch von John Wayne gelesen: „Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss!“ Prost! Ich muss schreiben, das ist das wichtigste. Amputier mir beide Beine, aber niemals die Hände, ich muss das Klacken der Tasten in meinen Ohren klingen hören. Und lass mir meine Augen und Ohren. Alles andere an Körperteilen ist zweitrangig. Jaja, nicht immer! So, ich lasse es heute mit dem Schreiben, die Magie wird schwächer, ich werde müde, der Wein wirkt. Gute Nacht   !

Liebe und Freunde

Wieder Sonne, wieder einen ganzen Nachmittag am See verbracht. Die letzte Woche ist angebrochen, ich will noch nicht weg hier, verdammt! Schnell wird uns der Alltag wieder in seinen Bann ziehen, na ja, meine Tage sind ja meistens voller Veränderungen. Im Grunde ändert sich für jeden Menschen jeder Tag ganz und gar, zum Glück. Nichts ist wiederholbar, keine Sekunde, zu jeder Zeit sieht und fühlt man neu. Man kann einen Menschen ein Lebtag lieben, aber nie ist die Liebe gleich intensiv, an einem Tag spürt man sie ganz tief und unendlich, so dass es einen fast zerreißt, am nächsten Tag ist man genervt und möchte ne Stunde weg. Und doch kann die Liebe einigermaßen konstant bleiben über Jahre und Jahrzehnte. Manch einer sagt, eine Trennung heutzutage sei was ganz Normales. Ja? Vor allem wenn Kinder im Spiel sind, sollte man drüber nachdenken, ob man diesen Schritt wirklich gehen will. Ja, manchmal ist es wohl tatsächlich für die Kinder besser, zum Beispiel, wenn sie geschlagen oder andersweitig misshandelt werden, aber zumeist verstehen die Kinder eine Trennung überhaupt nicht, und die Spuren bleiben bis ins Erwachsenenalter. Früher hat man sich nicht so „einfach“ getrennt, da wurde ein Seitensprung verziehen, vergessen nicht, aber man hielt an seinem Lebensbund fest, man ging durch dick und dünn, man hat sich zusammengerauft, zumindest so lange, bis die Kinder selbst das Haus verlassen haben. Eine schreckliche Zeit oft für die Verheirateten, keine Frage. Unglücklich sollte eigentlich niemand sein, auch klar. Eine Trennung sollte Stil haben. So schwer es auch sein mag, Stil ist immer wichtig. Jeder Mensch sollte davon etwas besitzen. Man kann auch nicht immer ehrlich sein, jeder darf seine kleinen Geheimnisse haben, solange man dem Partner nicht damit schadet. Klar, wo fängt es an, wo hört es auf? Man sollte nie aufhören zu reden. Die Glotze tötet Ehen. Die Glotze tötet Kultur. Ich hab selbst eine, eine Glotze, ich gucke auch ab und zu, mein Sohn guckt Kindersendungen, das Gucken sollte nicht zur Sucht werden. Ich hasse es, wenn ich irgendwo hinkomme und das Ding ist an. Und bleibt an. Unfreundlicher geht nicht. Man besucht doch wen, um sich zu unterhalten, oder? Oder man verabredet sich vorher zum fernsehn. Es ist wichtig, dass sich die Partner bei einer Trennung sehr schwer tun, weil es einfach nichts Selbstverständliches ist, und wenn wir erst anfangen so zu denken, als sei es etwas ganz Normales, dann braucht man gar nicht erst zu heiraten. In guten wie in schlechten Zeiten. Krisen gibt es immer, überall auf der Welt. Eine Seele ist keine Maschine, eine Seele fühlt, ein Geist denkt, ein Herz schlägt gleichmäßig, wenn es gesund ist. Die Liebe. Ich habe ein paar wenige Freunde, die ich liebe. Ich musste die Erfahrung machen, dass manche Freunde nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, weil ich sie verletzt habe. Wie auch immer. Oder weil sie mit meiner Krankheit nicht zurecht kamen. Wirklich. Viele gesunde Menschen wenden sich von kranken Menschen ab, sie kamen oder kommen mit meiner Verrücktheit nicht klar, auch wenn ich selbst denke, ich bin doch ganz okay so wie ich bin. Subjektivität. Allerdings sind in den letzten Jahren auch einige gute Freunde hinzugekommen, mit denen ich häufiger zu tun habe, als mit den alten. Aber an den alten Freunden weiß man, was man hat. Sie sind zuverlässig, auf sie kann man sich verlassen. Dabei belasse ich es für heute, ich gehe jetzt ins Bett. Denkt darüber, was ihr wollt   !

Sonne satt und Wale und Wahlen

Strahlend blauer Himmel über uns, keine weiße Wolke, der weite graue Ozean, keine Wellen, weiße Motorboote, weiße Segelschiffe liegen still im Hafen, ein paar Yachten, wir fahren raus, etwa eine Stunde lang, ich schieße Fotos von meinem Sohn, seine Haare fliegen über die Reeling, er ist quietschvergnügt, wir werden langsamer, stoppen, denn wir erblicken einen schnittigen Hai. Es geht mit Vollspeed weiter, das Schiff ist voller Menschen, etwa 200 würde ich sagen, dann der erste Wal, lang, fett, schwarz, vielleicht dreißig oder vierzig Meter entfernt, die Schwanzflosse ragt kurz gen Himmel, bevor sie wieder in den Tiefen verschwindet. Die Leute rufen Boah oder Ooohhh und Aaahhh … Sie drücken auf die Auslöser, alle staunen, sind begeistert, sind geflasht. Jetzt treibt das Schiff – wieder taucht ein Wal auf, wieder dreißig Meter entfernt, ich schieße Fotos wie wild, bin dann enttäuscht, dass ich mehr aufs Fotografieren als auf den Wahl geachtet habe. Ich muss nicht lange warten, wieder ein fetter schwarzer Wal, und noch einer, er schießt seine weiße Fontaine nach oben, atmet aus, ist oben auf dem Meer, weil er Luft kriegen muss. Etwas später zwei Wale, dann drei, dicht nebeneinander, dann vier Wale mit einem Walbaby, es ist zwölf Monate alt, wird gesagt … Alle sind beeindruckt, die Zeit vergeht viel zu schnell, jeder wartet auf den einen besonderen Augenblick, auf DAS Foto, jeder spürt den Kick, jeder meint, ein Wal könnte ruhig noch näher als fünfzehn oder zwanzig Meter rankommen. Insgesamt waren wir vier Stunden unterwegs, es war großartig, ich bin absolut dankbar, dass ich diesen Tag erleben durfte.

Wahlen in Deutschland.

Eigentlich ist es so gekommen, wie es vorausgesagt wurde, aber die 13,5 % der AFD sind heftig. Klar, Veränderung schön und gut, aber dann bitte in eine andere Richtung. Ihr werdet euch erinnern, dass dies kein poltitischer Blog werden soll oder kann, weil ich von Politik zu wenig Ahnung habe, trotzdem fordere ich dazu auf, Ohren und Augen offen zu halten und die ganze Angelegenheit gut zu verfolgen. Ich will auch gar nicht allen AFD-Wählern unterstellen, dass sie rechtsradikal sind, aber was noch nicht radikal ist, kann es schnell werden, gerade wenn es zu viele schlaue Redner, die es verstehen, den „richtigen“ Ton zu treffen, gibt. Es gibt genug Leute, die die Schnauze voll haben von Flüchtlingen und überhaupt von Ausländern, sie glauben nicht daran, dass es ihnen genauso gehen könnte, können nicht wahrhaben, dass sie nur Glück gehabt haben, in ein westliches Land hineingeboren worden zu sein. Mir ist klar, dass es Armut in Deutschland gibt, dass es in manchen Bundesländern zu wenig Arbeit gibt, aber es gibt viel zu viele kleingeistige Idioten, die nicht über den Tellerand hinausblicken können, die nicht mit den hungernden und durstenden Menschen mitfühlen können. Ich will nicht behaupten, dass ich das kann, nur weil ich mal ein paar Tage nichts zu essen hatte, aber ich kenne zum Glück die Dankbarkeit dafür, ein Dach über dem Kopf haben zu dürfen und mir bei Aldi was Schönes aussuchen zu können. Das konnte ich auch, als ich vom Sozialamt gelebt habe. Kein Mensch auf der Welt müsste hungern, wenn es gerechter zugehen würde. Aber was ist schon gerecht? Ist es gerecht, dass manche Fußballer Zwanzigmillionen im Jahr verdienen? Ist es gerecht, dass ein Autokonzern-Manager Zehnmillionen jedes Jahr für sich einstreichen darf? Ist es gerecht, dass ich der reichste deutsche Schriftsteller werde? HA! Ja, ich finde es ungerecht, wieviel ich verdienen werde, aber ich kann da ja gar nichts zu. Ich schreibe einfach diese ganzen genialen Gedichte, weil ich ein Genie bin. Ich hatte eben Glück, dass ich mein Talent erlkannt habe, aber wenn man nur vor der verschissenen Glotze hängt und RTL2 sich reinzieht, sich dabei selbst vergisst, nicht auf seinen Verstand und auf sein Herz hört und glaubt, alles, was die da bringen, ist wahr, dann Prost Mahlzeit. Blind und taub und eingeschränkt, und nur ganz wenige in der AFD, nämlich die Machtgeilen an der Führungsspitze, die Führer sozusagen, sind diejenigen, die dieses Dilema erkennen. Sie nutzen ihr Redetalent, ihren starken Charakter, den haben sie nämlich, ich würde nie rhetorisch gegen einen ankommen, sie sind da, um schwache Seelen zu beeinflussen, und der Nachbar beeinflusst auch wieder den Schwächeren und zusammen ist man ja sowieso ganz stark. Man geilt sich zusammen an der Ungrechtigkeit auf und will endlich, endlich Gerechtigkeit. Und gerecht ist es dann, die Flüchtlinge zu verbannen, sie abzuschieben, sie in ihre Heimat zurückzuschicken, wo sie nichts zu fressen und zu trinken haben, und wenn einer gefoltert wird – na und!? – was solls! Leute, wir brauchen die EFP, die ERSTE FRIEDENSPARTEI, wir brauchen den Künstlerindianerstamm. Verbündet euch endlich, ihr Künstler, geht gemeinsam den wahren Weg der Nächstenliebe. Sammelt euer Geld zusammen und helft gemeinsam. Nicht jeder einzeln. Gründet ihr die EFP! Ich mache einfach mit, ich bin kein Redner, kein Politiker, aber ich möchte mit ganz, ganz vielen Menschen auf einer Welle des Friedens schwimmen, auf einer seichten Welle, die aber auch, wenn sein muss, aufbraust und in die Höhe schießt. Nicht nur die Künstler in Deutschland, das reicht nicht, ich rede von allen Künstlern auf der ganzen, ganzen Welt. Schriftsteller, Musiker, Maler, Steinhauer, Fotografen, Fußballspieler, überhaupt Sportkünstler, ALLE KÜNSTLER, uns geht es zu gut! Wir werden überbezahlt! Es zahlen die für uns, die kaum Geld haben! Durch sie werden wir immer reicher und reicher und fetter und fetter. Prost! Ich hol mir noch einen. Ja, und ich ziehe an der fetten Zigarre für zehn Euro! Und ich bin sowieso viel zu fett, weil ich einfach viel zu viel Scheiß gefressen habe. Ich werde mir trotzdem die ganze Welt angucken, werde reisen, werde genießen, meinen Sühten frönen. Ach, mehr möchte ich gar nicht schreiben.

Die letzten zwanzig Minuten, die ich noch aufbleiben werde, werde ich entspannen. Ich rauche die Zigarre auf und trinke mein Glas aus, nehme dann mein verdammtes Psychopharmaka (nimm bloß mehr, werden jetzt einige denken) und trinke meinen Yogitee für den Abend. Es ist gleich halb zwölf, der Tag war wieder wundervoll, der Abend mit euch erst recht. Vielen Dank dafür  !

 

Nichts als Lüge dieser Text!

Wieder ein wundervoller Tag. Erst auf dem Markt in Orleans gewesen, am Nachmittag einen langen Spaziergang am Strand gemacht und massenweise Muscheln aufgesammelt. Es hat zum Glück aufgehört zu regnen und zu stürmen, die Sonne ist zwar nicht durch die graue Wolkendecke gedrungen, aber es ist relativ mild, so mild, dass man mit T-Shirt und Kapuzenpulli rumlaufen kann, selbst an der Weite des Meeres. Wir genießen unser Leben hier, diesen kurzen Zeitabschnitt, der noch um einiges länger andauern könnte – ich möchte wieder herkommen, wenn hier das volle Leben herrscht. Vielleicht irgendwann mal eine Woche in der Sommersaison und dann per Flug nach Kanada rauf oder auch runter nach Chicago oder so was, mal sehen, wo es uns hinverschlägt, das Land ist ja groß genug. Ich sag’s ja – der Weltbestseller muss her. Wünscht sich jeder, der glaubt ernsthaft zu schreiben, jaja, ich weiß. Bukowski sagt, die, die sich am besten finden, sind die Schlechtesten. Dann bin ich der Allerschlechteste – ätsch, aber das hat ja auch schon wieder was, nicht wahr. Ich bin so schlecht, dass es Leute gibt, die wegens meines Krams kotzen. Sie verstehen einfach nicht, dass ich so viele Lese habe. Überall auf der Welt, alle wollen mich kennenlernen. Geht aber nicht, weil ich ständig verreist bin, auf Lesetour und in Amerika und auf Kuba und in Kanada uns sonst wo, ich weiß ja selbst nicht mehr so genau, wo ich bin. Ein Traum wäre Namibia und Südafrika, meine Frau war da schon für mehrere Wochen, also nichts wie hin. In Indien würde ich vielleicht der Kultur wegen verrückt werden, da müsste ich vorsichtig sein, nach Peru aber würde ich auch gern mal fliegen. Sprünge. Gedankensprünge. Meine Gedanken springen zu oft hin und her und ganz weit weg, manchmal bis übers Weltall hinaus. Nichts ist schneller als der Gedanke, da gibt es nichts, gar nichts, der Lichtstrahl ist eine Dreiradfahrt in Zeitlupe dagegen, wenn überhaupt. Mucho Guscho ist auch ein ziemlich schnelles, rasantes Buch geworden, es passiert total viel auf wenigen Seiten, obwohl ich Blabla-Bücher so sehr liebe, die zwar nach vorn gehen müssen, aber immer gut zu verfolgen sind. Steinbecks, ach, jetzt habe ich den Titel vergessen. Macht auch nichts, ihr könnt auch Der große Gatsby lesen, oder von Hemingway fast alles. Es plätschert so dahin und doch möchte man auf jeder Seite wissen, wie es weitergeht, man ist einfach neugierig bis zum Schluss. Das ist Kunst. Kunst ist es, Realität und Fiktion zu mischen, und der Leser fragt dann am Ende: Sag mal, hast du das wirklich alles so erlebt? Dann sagst du … Ja, was sagst du dann? Verrate ich nicht, glaub, was du willst, ist doch viel schöner für dich. Glaub doch, dass ich 105 Miezen hatte. Vielleicht waren es auch nur 102, ich erinnere mich nicht mehr an jede, das wirst du doch verstehen. Jedenfalls waren es zwischen meinem achtundzwanzigsten und fünfunddreißigsten Lebensjahr ne Menge. Dann kam meine Frau, sie ist die Einzige seitdem, ist ja klar. Ob ich ab und zu noch kiffe? Oder andere Drogen nehme? HA! Hast du was dabei? Ist ja nur ne Frage. Scheiß doch auf die GANZ GROSSE Wahrheit, wer erzählt sie dir schon – die Bibel, der Pastor, der Pfarrer, der Yogi, dein ehrlicher Nachbar, der dreimal in der Woche den Rasen mäht und danach seinen Passat wäscht? Das Fernsehn? Womöglich die Zeitung? Schriftsteller jedenfalls schon mal gar nicht, sie sind die größten Lügner, die es auf der Erde gibt, die es geben MUSS. Sie DÜRFEN nämlich lügen. sie MÜSSEN lügen, um das Leben aller erträglicher zu machen. Ist doch geil, wenn du dich dran aufgeilen kannst, wenn ein Boris Becker 37.000.000 Euro Schulden hat oder noch mehr. Das ist es, was die Menschen brauchen. Lüge, nichts als Lüge. Rege ich mich gar nicht drüber auf, finde ich ziemlich gut, dass wir so was zu lesen bekommen. Am besten noch ein gelungenes Foto, dafür werden manchmal auch ein paar Tausender geblecht. Becker, guck jetzt mal nach links, nee, lieber doch nach rechts, schiel mal, und nächstes Mal rasierst du dich auch vorher nicht, klar, und kotzt am besten auf die Pokerkarten! Becker ist bestimmt in Ordnung, wie würde es DIR denn gehen, wenn du mit 16 weltberühmt geworden wärst? 16! Ich jedenfalls bin froh, dass ich jetzt erst berühmt werde, vorher wäre das nichts für mich gewesen, ich hätte keinen Cent mehr. Alles genau richtig zu seiner Zeit. Meine Millionen sind auch zum Ausgeben da, wozu sonst!? Zum Schachern, zum Bunkern, zum Vermehren? Fuck! Geld ist dazu da, um es rauszuhauen, mitnehmen kannst du eh nichts. Jaja, ich denke schon an meinen Sohn und an ein paar andere, keine Frage. Aber das mach ich, solange ich noch lebe, nicht erst, wenn die Sargnägel eingeschlagen sind. Dann gibt es sowieso nur Streit. Sieht man ja bei James Brown zum Beispiel. Mehrere Hundertmillionen schwer, sein Geld sollte in Projekte für benachteiligte Kinder fließen, kein Cent ist bis heute geflossen, weil sich seine angeblichen Erben nicht einigen können, wie armselig. Also alles an Kohle vorher raushaun, ist doch klar, ne. Mit einer Mark in der Tasche meinetwegen ins Gras beißen. Du brauchst keine Designerjacke, keinen Gürtel für 200 Dollar, nichts, nichts, nichts. Ich erinnere mich an eine alte Dame im Krankenhaus, die ich besucht habe. Neben ihr lag ne andere Alte, die noch immer tausend Goldringe auf ihren kalkweißen, schrumpligen Fingern getragen hat, und erst der Lippenstift auf ihren dünnen, aufgesprungenen Strichen. Zum Kotzen, ehrlich. Du bist nackt geboren, also kannst du nackt krepieren, kräht kein Hahn nach. Besoffen wäre wohl ganz schön, oder nicht? Nee, trinken tust du ja auch nicht mehr. Hab ich vergessen. Arme große Welt. Vor allem, arme große westliche Welt, woanders mag es noch humaner zugehen, darüber will ich mir kein Urteil erlauben. Guck deine dreihundert Sender im TV. Morgen sind Wahlen in Deutschland. HA! Was wird sich ändern? Kommt die AFD in den Bundestag? Hast du sie gewählt? Nee, natürlich nicht, du bist ja nicht rassistisch, aber … ABER! Lassen wir das lieber. Ich glaube, Merkel wird es wieder machen. Sie hat Vorsprung, die meisten Leute können sich Veränderung nicht vorstellen, da müsste sich ja ihr Horizont erweitern. So, ich habe für heute Abend genug geschrieben, jetzt wird gelesen und ab gehts in die weltweite Post   !

Ich schreibe euch Schwachsinn!

Es ist halb elf am Abend. Heute war ein wundervoller Tag. Sturm und Regen, aber egal, wir sind zum Atlantik gefahren und waren fasziniert von den 4 Meter hohen Wellen, von der Brandung, von dem starken Wind, der uns ins Gesicht gepeitscht ist. Ich könnte es hier locker noch zehn Wochen aushalten. Bis Weihnachten wäre gar nicht schlecht. Ich liebe diesen Urlaub, genieße jede kostbare Minute, lass mich vom Wetter nicht unterkriegen. Hier herrscht eine ganz besondere Atmosphäre, die Hausbesitzerin hat in ihr „Büchlein“ geschrieben, sie versteht langsam, warum so viele Künstler Cape Cod aufsuchen. Man sieht es nicht auf den ersten Blick, aber jeder, der etwas feinfühlig ist, spürt eine magische Kraft. Und die kann man nutzen. Im Sommer wird man sie noch mehr fühlen. Man kann aufs Meer rausfahren, fischen, grillen, draußen feiern, es ist absolut mehr Leben wenn 50.000 Menschen hier versammelt sind. In Ländern, wo ewig Sommer ist, ist immer ein Fest, da herrscht dann noch mehr Magie. Ich denke an Kuba, an die Karibik, an Thailand usw. Ich mag den Winter, ich mag es, wenn Schnee liegt, aber ich bräuchte ihn nicht, wirklich nicht, ich könnte es gut in der andauernden Wärme aushalten. Mein Sohn liebt den Winter, er mag es, mit dem Schlitten die Berge hinunterzusausen und eine Schneeballschlacht zu machen. Also müssen wir irgendwann mal in die Alpen fahren, na ja, es reicht ja schon der Harz, wenn es gut läuft. Es gibt viele Menschen, die können ihren Kinder ganz, ganz viel bieten, schön ist es, wenn das die Leute auch zu schätzen wissen und ihren Kindern zu verstehen geben, dass das was ganz Besonderes ist. Denn die meisten Menschen auf dem Erdball sind arm, müssen oft hungern und dursten, jeder Tag ein Tag des Überlebens. Seid also dankbar, dass ihr euch diesen Blog in eurer warmen Bude bei einem Glas Tee reinziehen könnt und hört auf, euch über Kleinigkeiten aufzuregen. Schon gar nicht übers Wetter, das Gesprächsthema Nummer Eins, dann kommt Krankheit, dann Geld. Politik auch ein gern genommenes Thema, zum Aufregen genau richtig. Fußball nicht zu vergessen. Alles scheint in den westlichen Ländern wichtiger zu sein, als die Armut auf unserer Erde, wichtiger, als das Sterben unserer Natur. Ist so. Und jeder von uns gehört dazu, jeder, der Auto fährt, jeder, der den Müll nicht korrekt trennt, jeder, der Nesspresso und Cola trinkt. Ich gehöre dazu, ich gehöre Gott verdammt dazu. Bin der Schlimmste von allen, hole meinen Sohn mit dem Auto vom Kindergarten ab, so ein Scheiß. Hier in Chatham lebten die Menschen vom Fischen, es wird immer schwieriger, mit jedem Jahr. Das Meer wird immer dreckiger, es nimmt kein Ende, es werden immer mehr Bäume im Regenwald abgeholzt, es hört erst auf, wenn die Erde nicht mehr atmen kann. Jaja, lange wird es nicht mehr dauern, kannst du noch so viel schön reden. Mach weiterhin die Augen zu. Was für ein Glück überhaupt, dass es in den letzten 70 Jahren keinen Krieg in Deutschland gegeben hat, wir wissen nicht, was Krieg bedeutet. Unsere Kinder werden bestimmt nicht verschont bleiben. Ja, ich weiß, Schwarzmalerei, dann nimm dir doch n Strick. Leck mich am Arsch! Ich nehme mir keinen Strick, ich will ja noch ein paar Bücher schreiben, noch mehr Schwachsinn in die Welt tragen, es gibt ja noch nicht genug. Aber anscheinend sind meine Bücher so schwachsinnig, dass sie kein Verlag drucken lassen will. Oder umgekehrt: Sie sind nicht schwachsinnig genug! HA! Das wird es sein. Es dreht sich alles um Geld, um nichts anderes. Verkaufen, verkaufen, verkaufen, nichts anderes zählt für die Großen. Für die Kleinen auch nicht. Sie kämpfen ums Überleben, müssen sich ihr Brot und ihren Wein kaufen können, klar. Zum Glück muss ich nicht um jeden Satz kämpfen, mir fällt es leicht, diesen Schwachsinn zu schreiben, meine Finger kommen kaum hinterher. „Schreib ich schnell?“, hab ich gerade meine Frau gefragt. „Vor allem laut“, sagt sie. „Du haust darauf rum, die Tastatur tut mir richtig leid.“ Manchmal streichel ich sie auch, aber meistens nicht, die Tastaur jedenfalls. Ist schon cool: Da steht vor mir das kleine Tablet, und vor dem Monitor liegen die Tasten, ich könnte auf diese Art ein ganzes Buch schreiben. Die Tasten geben schöne Tastgeräusche von sich, fast wie die einer elektrischen Schreibmaschine. Ich finde jedenfalls, dass ich ziemlich schnell schreibe. Und laut! Ist doch wunderschön, dass man sich selbst zuhören mag. In meinen Psychosen spreche ich immer mit mir selbst, stundenlang … Ist ja zum Glück schon einige Jahre her. So, das reicht für heute, ich mache jetzt Schluss, lese den ganzen Schwachsinn noch mal und sende ihn euch zu. Hier, bitteschön   !

HA – ich lebe noch!!!

Es stürmt und regnet, um 21.30 Uhr. Wie heute den ganzen Tag. Ich möchte unbedingt noch einmal herkommen, nur um zu schreiben. Klar, es gibt auch andere Orte, wärmere Orte, mehr Leben, mehr Temprament, heißblütigere Länder, mehr Bars … Aber um zu arbeiten ist das hier schon der richtige Ort. Vor allem auch dieses wunderschöne Haus, die Terrasse, der Garten, nicht weit entfernt vom Atlantic. Zwei Minuten mit dem Auto, zehn Minuten zu Fuß. Morgens kann man sich am Hafen frischen Fisch holen, zehn Minuten Autofhart der nächste Zigarrenladen, und diese wundervolle Ruhe. Es kommt drauf an, was man will. Will man etwas erleben, fliegt man nach New York, nach London, nach Paris, nach Berlin, nach Hamburg, sonst wohin, will man Sonne, gehts ab nach Kuba. Ja, ich könnte mir auch vorstellen, in der Karibik zu schreiben. Aber hier an diesem Flecken Erde fühle ich mich sicher, ich fühle, dass ich hier etwas schaffen könnte, etwas Großes. Zeit, man braucht die Zeit, und klar, da sind wir wieder beim alten Thema, Geld auch. Kommt man nicht drum rum, man muss sich was zu essen, zu rauchen, zu trinken kaufen können, man braucht einen Wagen und Benzin. Das war es dann auch schon. Und natürlich die Unterkunft, ohne ein Dach über dem Kopf geht gar nichts. — Mein Sohn hat Heimweh, er vermisst seine Freunde, seine Erzieherinnen, seinen Kindergarten, sein Kinderzimmer. Ich habe ihm heute erklärt, dass man dieses Gefühl Heimweh nennt und es einen traurig macht. Ich habe kein Heimweh, ich würde das Leben hier noch einige Wochen genießen können, das heißt nicht, dass ich mich nicht auf zu Hause freue. Zu Hause liegt viel an, es gibt ja immer was zu tun. Heute kam mir die Idee, mir einen Monat lang die BILD zu kaufen, um Themen für den Blog zu finden, um mich aufzuregen, um mich inspirieren zu lassen. Klar, ich könnte auch die HAZ lesen, oder die ZEIT, oder eine andere anspruchsvolle Zeitung, aber gerade die BILD haut richtig ins Gehirn, deswegen lesen sie auch 12.000.000 Menschen täglich. Vielleicht werde ich sie als kreative Arbeitsbeschaffungsmaßnahme verwenden, mal sehen. Sonntag sind bei euch erst einmal die Wahlen, ich hoffe, dass sich einiges ändert, ich habe die zwei Kreuze per Briefwahl gesetzt. — Ich bin heut etwas schlapp, mir fällt nichts weiter ein, nichts kickt mich. Ich habe aber auch keine Lust zu lesen oder etwas zu spielen, auch möchte ich noch nicht ins Bett gehen, keine Musik hören, nicht fern sehen. Zwischen diesen Zeilen spreche ich mit meiner lieben Frau, die neben mir sitzt. Dabei fällt mir auf, dass ich gar nicht so weit weg muss, nicht bis nach Amerika, um ein gutes Buch schreiben zu können. Da sind wir wieder bei Sylt oder einer anderen deutschen Insel, wo es auch magische Plätze gibt, wo ich, wenn ich Heimweh kriege, kurz mal nach Hause fahren könnte. Aber ich weiß, dass ich an einem sehr stillen Ort und am besten am Meer anders arbeiten kann, als in meinem gewohnten Umfeld. Ich würde ja nur zum Arbeiten hinfahren, nichts lenkt einen ab, man weiß, wofür man diese Zeit auf sich nimmt. Die Zeit regelt sich von allein, ein ganz neuer Rhythmus findet sich, alles pendelt sich ein, alles, um die großen Stunden des Schaffens zu finden und zu nutzen. Ja, ein Ort in der Nähe meines Zuhauses gefällt mir besser, wenn ich näher darüber nachdenke. Zwei, drei, vier Stunden Autofahrt wären aber wichtig, damit man nicht zu oft in Versuchnung gerät, „kurz mal“ eine Ausszeit zu nehmen. Gebt mir einmal im Jahr drei bis sechs Monate und ich schreibe jedes Jahr ein Buch fertig. Jetzt brauche ich ungefähr zwei Jahre. Ich will arbeiten, arbeiten, arbeiten, jede Stunde, die ich nicht schlafe oder genieße, nutzen. Schreiben ist natürlich der größte Genuss, der größte Luxus, den man sich leisten kann. Soll nicht heißen, dass ich die vielen Stunden mit meiner Familie weniger genieße, wenn ich mit Sohn und Frau zusammen bin, bin ich voll für sie da, meistens jedenfalls, oft habe ich ja auch noch das Buch im Kopf, an dem ich gerade sitze, dann schweifen die Gedanken ab und lassen mich in der Geschichte zurück. Als ich „Im Wahn der Zeichen“ zum letzten Mal geschrieben habe, war ich nicht ansprechbar für meine Frau, Tag und Nacht habe ich mich mit dem Buch auseinandergesetzt. So ist es zum Glück heut nicht mehr, ich lasse mich ganz gern ablenken. Ihr sagt, ich nehm das alles zu ernst, ich bin ja doch nur Hobbyautor und kein Berufsschriftsteller und lange nicht gut genug für den Durchbruch. Für meine Frau bin ich ein Träumer, was ich ihr nicht einmal zum Vorwurf machen kann. Für meine Mutter bin ich ein Spinner, für meine Freunde sonst was. Aber ehrlich gesagt sind viele Leute, die ich kenne, jetzt schon halbtot, jedenfalls total in ihrer Freiheit beschnitten. Sie denken klein, glauben nicht an das große Ding, haben einfach keine Idee, wie sie es erreichen könnten, setzen höchstens auf Lotto, wenn überhaupt. Aus eigener Kraft schaffen es nur die wenigsten Herr über das eigene Leben zu sein. Es gibt Chefs, Vorgesetzte, Sklaventreiber, Leihfirmen, alles Mögliche, was einen benutzt und ausnutzt, die Menschlichkeit spielt keine Rolle. Maschinen, die früher als Kind frei denken konnten, und träumen. Alles im Arsch, alles im Klo runtergespült. Pech gehabt. Glück, wenn du es irgendwann merkst und was änderst. Aber das Grauenvolle ist, dass die meisten Menschen Angst vor Veränderungen haben. Sollen sie tot bleiben, ist nicht mein Problem, ihres ja anscheinend auch nicht. Ein Flüchtling, der jeden Tag ums Überleben kämpft, lebt immerhin. Mehr als du, du atmende Leiche. Ein Wunder, dass du überhaupt noch atmest und Luft bekommst, dass du dich noch bewegen kannst, obwohl du jeden Abend vier Stunden in die Glotze starrst. Jeden Abend die gleichen Sendungen, jeden Abend der gleiche Ablauf, jeden Morgen auch, Rituale, beschissene Rituale, die eigentlich nur Kinder und Kranke brauchen. In jeder Hinsicht beschnitten, ob du nun noch existierst oder nicht, du hinterlässt ja doch nichts. Jaja, ich hab ne große Schnauze, ich ziehe vom Leder, ich beleidige euch, wenn nicht gerade dich, dann aber die ganzen anderen, die tot sind. Psychotiker in akuten Phasen leben in drei Minuten mehr als manche Menschen in 90 Jahren, kannste drauf wetten. Sie fühlen sich in drei Minuten wie Gott. Ich liebe die Verrückten, die Ausgeklinkten, die Schizophrenen, sie sollen mir aber bloß nicht zu nahe kommen, wenn sie gerade drauf sind. Dann sollen sie lieber stabil in meine Selbsthilfegruppe kommen, um über ihre Erlebnisse unter Gleichgesinnten sprechen zu können. Psychosen ähneln sich ganz oft. Sei doch mal ein bisschen verrückt, nur ein bisschen, brich mal aus und schrei auf der Straße „SCHEISSE!“ Jaja, warum sollte ich das tun, ist jetzt die große Frage. Damit du mal weißt, wie es ist, verdammt noch mal. Damit du hinterher in die nächste Kneipe gehst und ne Flasche Whisky trinkst. Damit du dich am nächsten Morgen richtig beschissen fühlst, dann fühlst du, dass du lebst. Du fühlst es nicht, wenn du acht Stunden am PC oder vor der Glotze hängst, jede Wette. Sitzt der Scheitel auch richtig? Die Bügelfalte? Die Brille spurenfrei? Ist der Wagen gewaschen, der Rasen nazimäßig gemäht? Besser, ich lasse das mit dem Schreiben heute Abend, nein, ich hole mir jetzt noch ne Mischung. Habe mich für Wein entschieden. Prost. Ich bin gerade deprimiert und traurig – mein Sohn hat Heimweh, wir können ihm bei diesem Wetter nicht viel anbieten. Ich hoffe, dass der Sturm und Regen in den nächsten Tagen nachlässt und wir rauskönnen. Er macht das wirklich alles super mit, hört zum hundertsten Mal dieselben CDs, wir können sie mitsprechen, aber er muss an die Luft, er muss raus, auch bei Sturm und Regen. Wir auch. Für morgen lasse ich mir etwas einfallen, ich weiß nur noch nicht was. Doch, wir fahren nach Provincetown, egal, das Wetter kann mich am Arsch lecken! Ich lebe noch! So, und jetzt höre ich auf zu schreiben, lese den ganzen Kram noch mal – und ab geht er  !

Schreiben ist meine Freiheit!

Ich kann schreiben, denke ich. Denken andere auch. Viel zu viele Armleuchter sind unterwegs in der Szene. Grauenhaftes Gestümper. Ich habe zum Glück nichts mit der Szene zu tun, mit der Literaturszene jedenfalls nicht. Nee, mit gar keiner Szene, lieber bin ich für mich allein an meiner Maschine und einem Glas. Oder auch auf der Terrasse bei einer gut gerollten Zigarre aus Kuba oder Südamerika. Meine Frau ist mir ein angenehmer Gesprächspartner, mehr brauche ich meistens nicht. Meistens. Manchmal schon. Da sehne ich mich nach Abwechslung, nach Leuten, mit denen ich gern zusammen bin, es sind auch ein paar dabei, die schreiben. Na ja, ehrlich gesagt nur einer: Jean Coppong. Früher war ich mit vielen Künstlern zusammen, damals, als ich selbst noch Künstler war und meine Arbeiten auf Kunsthandwerkermärkten verschachert habe. Ich war richtig stolz, solche Leute zu kennen. Es war ein gutes Lebensgefühl, dabei sein zu dürfen. Schlendere ich heute über einen Kunsthandwerkermarkt, tun mir die meistens Künstler leid. Vor allem die, die es draufhaben. Sie bekommen oft nicht einmal die Standmiete rein. Und neben ihnen steht jemand mit selbstgestrickten Socken und Topflappen. Und verkauft womöglich noch besser, weil es Billigware ist und er oder sie nicht von leben muss. Er oder sie kann noch lächeln. Der alte Künstler nebenan sieht verbraucht aus, er hat sein Lebtag getrunken, geraucht und gearbeitet. Und irgendwie, irgendwie überlebt. Er weiß selbst nicht so genau, wie er das geschafft hat. Und einige Jahre liegen ja auch noch vor ihm, er kriegt hundert Euro Rente, wenn es hochkommt. Es gibt auch diese Möchtegern-Abgefahrenen-Langhaar-Freak-Künstler, die existieren und stinken. Lange Haare sind wichtig. Verfilzt müssen sie sein, stinken müssen sie. Sie sind oft die größten Spießer von allen. Von Allen! Ich habe einige kennen gelernt, wirklich. Manch einer fasst nicht mal ne Windel an. Manch einer putzt sich viermal am Tag die Zähne. Manch einer kriegt ne Krise, wenn ein Stück Fleisch bei ihm im Kühlschrank landet. Ökonazis. Künstlerfaschos. Künstler fühlen sich als etwas Besonderes. Sie stehen über den Dingen. Manche sind etwas besonderes – ich zum Beispiel. (Habe ich von Bukowski geklaut …) Aber Bukowski war ja wirklich ein Genie. Wer mit 16 anfängt zu lesen, sollte Charles lesen, wer kurz vor seinem Tod im Krankenhaus vor sich hinsiecht, sollte ihn erst recht lesen. Hemingway kann da schon mehr runterziehen. Ich werde demnächst Ginsberg versuchen, über den Bukowski immer mal wieder schreibt. Bukowski meint, Celine war einer der größten. Manche mögen ihn nicht lesen, weil er ein Nazifreund war. Das hat aber nichts mit seinem Schreibstil und seinem Können zu tun. Man sollte einfach nur darauf achten, wie er geschrieben hat. Ich werde mich für einen Roman, den ich als wohl über oder überübernächsten schreiben werde, inspirieren lassen. „Tod auf Kredit“ heißt er, steht bei mir zu Hause und wartet sehnsüchtig darauf, gelesen zu werden. Na ja, ihm ist es ehrlich gesagt scheißegal. Der, der wartet, bin ich, sonst niemand. Harter Brocken. Harte Schrift. Scheiß auf alle, da ist Buk ein Waisenknabe gegen. Henry Miller auch. Henry Miller ist nicht ganz so leichte Kost, finde ich. Es gibt ne Menge, Menge Bücher, die mir zu schwer sind. Zu langweilig. Die ich nicht verstehe. Ich war Hauptschüler, dass ich überhaupt so schreiben kann, wie ich heute schreibe, grenzt an einem Wunder. Schreiben hat mir immer Freude bereitet, Diktate, Aufsätze, alle anderen Fächer fand ich völlig überflüssig, nichts hat mich interessiert, reine Zeitverschwendung, sonst nichts. Klar bin ich heute froh, dass ich etwas rechnen kann. Aber sonst ist nichts hängengeblieben. Bei uns sind Stühle und Tische während des Unterrichts aus dem zweiten Stock geflogen. Lehrer haben geheult und sind zum Nervenarzt gerannt. Sie wurden angeschrien und bedroht. Heute soll es ja noch viel extremer sein. Also, wenn ich meine Lesungen in Schulen mache, ist es immer still, sie hängen an meinen Lippen, die Lehrer sind ganz erstaunt, zwei Schulstunden lang so ruhige und interessierte Schüler zu sehen. Die Fragen sind meistens ziemlich gut und überlegt. Egal, ob Hauptschüler oder Gymnasiasten, da gibt es kaum Unterschiede. Unter 300 Euro lese ich nicht mehr. Ich hab Jahrelang umsonst gelesen, hab mich aussaugen lassen, mach ich nicht mehr. Wäre ich Bestsellerautor, könnte ich 500 Euro verlangen. Jörg Böckem kostet zum Beispiel so viel, oder inzwischen noch mehr, hab lange nichts von ihm gehört. Allerdings habe ich noch keine einzige Lesung für 300 Euro gemacht. Ab jetzt schon. 300 oder eben gar nicht. Sollen die Wahnsinnigen noch wahnsinniger werden, ist mir egal. Die Patienten werden eh immer jünger und verrückter. Mit zwölf fangen viele an zu kiffen, ich kann es ja nicht verhindern, aber ich kann ein paar Augen öffnen. Was schreibe ich hier eigentlich heute Abend? Eigentlich wollte ich nur ein paar Sätze übers Schreiben schreiben. Wie so oft. Ich werde demnächst mal wieder die „Literaturtankstelle“ bei Decius langschlendern und gucken, was es so Neues auf dem Markt gibt. Ich habe auch gar keine Ahnung von Underground-Literatur, ich glaube, ich bestellte mir mal eine Zeitung aus der Szene. Man sollte auf dem Laufenden sein. Ich gehe sowieso wahrscheinlich viel zu selten zu Lesungen, bin mehr auf meinen eigenen als auf anderen. Was weiß ich. Zu Flenter würde ich mal gehen, Autor aus Hannover. Poetry-Slam ist ja riesengroß angesagt, war ich vor zwanzig Jahren zum letzten Mal, auch zum einzigen Mal. Lust zu lesen hätte ich da schon. Komme ich da überhaupt einfach so rein? Da wollen ja heutzutage alle lesen. Nee, die lesen da schon oft gar nicht mehr, die kennen ihre Texte alle auswendig, viele rappen. Man kennt sich untereinander. Von denen kommt auch kein einziger zu meinen Lesungen, obwohl sie in etlichen Zeitungen beworben werden. Ich meide sie, sie meiden mich. So ist das eben in Szenen. Entweder man gehört dazu oder man soll besser wegbleiben. Wer ist eingebildeter? Die Szene? Oder ich? Oh Mann, mich kotzt dieses Getue an. Diese Wichtigmänner, ja, meistens sind es männliche Wesen. Wenn es sein muss, auch mit Schlips und Kragen. Muss aber nicht sein, aber trotzdem, und dann sitzt der Anzug auch noch beschissen. Pech gehabt, wenn du es selbst nicht siehst. Was soll das überhaupt? Ich sitze hier in Amerika, draußen regnet und stürmt es, meine Frau puzzelt, mein Sohn und meine Schwiegermutter schlafen, und ich … Wisst ihr was? Ich gehe jetzt zu meiner Frau rüber. — Jetzt bin ich wieder hier. Puzzeln beruhigt. Ich habe meine Frau gerade gefragt, ob es auch Porno-Puzzles gibt. Würde ich schön finden, denke ich gleich an die Kommunen in den Sechzigern und Siebzigern zurück, da lag also dieses verfickte Puzzle auf dem Tisch und jeder hat mitgemacht, beim Puzzeln und bei allem anderen auch. Manche Zeiten waren einfach wunderbar frei. Nicht für alle, klar, aber für viele schon. Heute gibt es immer noch sexuell freie Leute in Massen, soll man gar nicht für möglich halten, nicht wahr, aber da sind wir wieder bei den Szenen. Sex, Drugs und Techno oder so. Es ist noch nicht einmal zehn Uhr am Abend. Ich habe also noch zwei Stunden vor mir. Vielleicht gehe ich gleich noch mal raus und setze mich in den Sturm, mal sehen. Ich schenke mir einen ein, Hunger habe ich auch, ne Banane tut’s. Ich sitze im Kaminzimmer, im Speisebereich an einem wunderschönen Holztisch, zwei Regale voller englischer und deutscher Bücher, Fotos vom Strand an den Wänden. Lasst mich drei Monate hier und ich schreibe einen ganzen Roman von vorne bis hinten. Meine Schwiegermutter meint, ich würde mich nach meiner Familie sehnen. Ja, würde ich tatsächlich, aber ganz ehrlich, für ne Million würde ich drei Monate hier schreiben und das beste Buch würde zustande kommen. Hier ist Ruhe angesagt, totale Stille, das Meer gleich in der Nähe, das wunderschöne Licht, der Wind, alles … Ich fühle mich frei, frei, frei. Ab in den übernächsten Liquar-Store, Zigarren kaufen, die es da in Massen gibt (drei fette Humidore) und Whisky Hektoliterweise. Nur zum Rauchen und Spazierengehen ab nach draußen. In der Sommersaison wäre ich auch gern einmal hier für einige Wochen. Mit den Jungs raus aufs Meer, angeln, dann grillen, dann am amerikanischen Leben teilnehmen. Wer weiß, was noch alles so kommt in den nächsten Jahren. Einsam wäre es hier schon über den Winter, aber sicherlich auch ein Erlebnis. Herbst, Winter, bis Weihnachten und dann nach Hause. Was fehlt, ist Geld. So ist es eben. Meine Frau muss arbeiten, ich muss mich um meinen Sohn kümmern, ihn zur Schule bringen, Hausaufgaben machen, kochen, was weiß ich. Das Schreiben kommt zu kurz. Könnte meine Frau zu Hause bleiben, besser gesagt, bräuchte sie nicht zehn Stunden zu ackern, wäre die Freiheit größer. Da kann mir auch niemand was erzählen von, Freiheit hat nichts mit Geld zu tun. Gut, sagt es mir ein freier Mensch, verbessere ich mich vielleicht. Ich kenne einen, der lebt von 450 Euro im Monat im Camper. 450 Euro hätte ich im Monat, sogar mehr. Aber ich habe ein anderes Leben gewählt, ein Leben, in dem ich für meine Familie Verantwortung übernehme. Ich will für meine Frau und meinen Sohn da sein und Zeit haben. Das heißt aber nicht, dass ich im Jahr nicht für drei Monate zum Schreiben woanders hinfahren würde, ganz sicher nicht. Komm, Verlag, du findest diesen Text hier so geil, dass du mir sofort einen Scheck zuschickst. Vorschuss für Mucho Guscho. Es gibt ganz glar zu viele glatte Schriftsteller, die sich anpassen. Man muss aus der Rolle fallen, gegen den Strom schwimmen, auf manche Dinge scheißen, frei sein in seiner Meinung. Frei sein in seinen Äußerungen und Sätzen, schreibe so, als sei deine Mutter tot. Habe versucht, so zu schreiben, als könne sie meine Sachen lesen, Jean Coppong hat ne Lebenskrise gekriegt, hat gefragt, ob das mein Ernst ist. Man darf als Gott auch mal „Ficken“ sagen. Alle Götter sind sexsüchtig. Jedenfalls die Schriftstellergötter. — So, habe mir eine Flasche Canadian Club gekauft statt eines guten amerikanischen Whiskeys. 14,99. Probiere ihn jetzt pur. Na ja, geht so, aber geht, ziemlich scharf, nee, geht nur mit nem Schuss Cola. Schade, hier gibt es so viele feine Sachen in Glasvitrinen für über 100 Dollar die Flasche. Ich gehe jetzt an die frische Luft für ein paar Minuten, mir den Wind um die Ohren hauen lassen, ich glaube, es regnet gerade nicht. Hat doch geregnet. Gut, Freiheit muss nicht immer was mit Geld zu tun haben, aber in meinem Fall würde es meine und die Freiheit meiner ganzen Familie erleichtern. Ja klar, schreiben kann ich auch zu Hause, wenn ich Zeit habe. Aber ich will viel schreiben, so viel wie möglich. Ich komme nicht nach, mein Hirn rattert, die Ideen werden immer mehr, es nimmt derzeit kein Ende. Meine Freiheit heißt Schreiben, Schreiben, Schreiben. Mein Sohn und meine Frau machen mich glücklicher, aber um langzeitig befriedigt zu sein, muss ich Romane bringen. Aber jetzt reicht es für heute, nicht wahr. Ich lass euch in Ruhe, trinke meinen Einshlaftee und lese noch etwas. Bis die Tage, euer Weltschriftsteller H Taube   !